Tag 11 in meinem Dinner Cancelling Selbstversuch: Ich wache wieder einmal mit dem Gefühl auf, dass draußen die Sonne scheint. Und es stimmt sogar! Mein Bett steht in einer Flut aus Licht und draußen höre ich die Vögel zetern. Toll!
Kurzerhand beschließe ich laufen zu gehen, es zumindest zu versuchen und nicht zu übertreiben. Vielleicht läuft es morgens besser, Hunger habe ich eh noch nicht. Ich steige also in meine Sportsachen und mache mich raus. Draußen ist es trotz Sonne ziemlich frostig, aber der strahlend blaue Himmel und meine Musik ermuntern mich , sofort loszulaufen. Ich überhole junge Mütter, die ihre Kinder zum Kindergarten bringen und sehe belustigt, wie ein kleiner Junge versucht, heimlich auszubüchsen. Mama fängt ihn natürlich mühelos wieder ein und er lacht gackernd auf ihrem Arm. Ich laufe einem gestresst wirkendem Herrn im Anzug über den Weg und einen kurzen Moment blicken wir uns an und lächeln. Die Welt scheint so friedlich heute morgen!
Ich laufe weiter, immer im Rhythmus meiner Musik und bleibe meistens in der Sonne. Irgendwann kann ich nicht mehr und anstatt mich wie sonst zu zwingen, höre ich auf meinen Körper und gehe ein paar Minuten, damit mein Puls runterkommt. Dann laufe ich weiter und ab da an geht alles ziemlich einfach. Mein Fazit fällt gut aus. Kein Schwindel diesmal, auch keine Erschöpfungszustände. Ich werde also, wenn ich laufen gehe, ab jetzt nur morgens gehen.
Neid und Gezänk
Abends treffe ich mich mit Freunden. Diesmal bin ich schon geübt wie das ist, nur Wasser oder Tee in Gesellschaft zu trinken und finde dass es nicht mehr ganz so schlimm ist. Hunger habe ich natürlich immer noch, aber ich kann das Gefühl mittlerweile so weit in den Hintergrund drängen, dass ich daran kaum noch denke oder es bemerke.
Aber wie es so ist, wenn man eine Diät macht: Man wird komisch angeschaut. So oft ich versuche, am Abend das Thema von mir abzulenken, so oft kommt es auf mich zurück. Spätestens als eine Freundin, die noch nichts von meinem Dinner Cancelling wusste, sagt: „Sag, mal, hast du abgenommen?“, ist das Geschrei natürlich groß. Anstatt sich für mich zu freuen, oder etwas Nettes zu sagen, schießen alle auf mich los. Sprüche wie „Du bist ja immer auf Diät“ oder „Du hast ja noch nie genügend gegessen“, werden laut und plötzlich fühle ich mich ein bisschen, als würde ich die anderen mit meinem Vorhaben, etwas Gewicht loszuwerden, beleidigen.
Und ich fühle mich wie essgestört, was ich definitiv nicht bin! Tja, denke ich, die Zeiten sind hart. Sogar fürs Abnehmen muss man sich schon schämen.
Ich werde immer frustierter, selbst, als es schon andere Gesprächsthemen gibt, schweige ich meistens und grüble ein bisschen darüber nach, was man denn in der Gesellschaft falsch macht, wenn man versucht an sich selbst zu arbeiten. Ist es Neid? Neid darüber, dass man den Mut hat oder ist es die Tatsache, dass man offensichtlich unzufrieden mit sich selbst ist. In einer Gesellschaft, in der Schwäche nicht akzeptiert wird. Leider widersprechen sich beide Ansätze, also lasse ich es bleiben, eine Schnute zu ziehen und ermuntere mich zu lächeln. Aber lange halte ich es trotzdem nicht aus und da wohl auch bald meine Müdigkeit einsetzen wird, mache ich mich auf den Weg nach Hause.
Kurz bevor ich ins Bett gehe klingelt mein Telefon.
„Hallo, ich bins. Tut mir leid, dass ich vorhin so fies war und dir Essstörungen unterstellt habe. Ich glaube, ich bin einfach unzufrieden mit mir selbst. Lass uns doch mal zusammen laufen gehen.“
„Klar“, sage ich und lächle.