Aufmerksamkeitsstörung - Das Neglect Syndrom

Das Neglect-Syndrom bezeichnet eine Aufmerksamkeitsstörung, die sich auf alle Sinne auswirken kann. Zu den häufigsten Arten zählen der visuelle und räumliche Neglect.


Bei dem Neglect-Syndrom, auch als halbseitige Vernachlässigung bezeichnet, handelt es sich um eine Aufmerksamkeitsstörung infolge der Schädigung (Läsion) einer Hirnhälfte. Umweltreize werden verspätet oder gar nicht wahrgenommen. Menschen, deren rechte Gehirnhälfte geschädigt wurde, haben Schwierigkeiten, die der Läsion gegenüberliegende Körperseite wahrzunehmen und umgedreht. Der Mediziner nennt dieses Phänomen „herdgekreuzt“. Meist ist bei Schlaganfall-Patienten beziehungsweise Neglect-Betroffenen die rechte Hirnhälfte betroffen, demzufolge fehlt die Wahrnehmung für die linke Körperseite. Diese Aufmerksamkeitsstörung kann alle Sinne betreffen. Das Besondere an dieser Störung ist, dass dem Betroffenen jegliche Krankheitseinsicht fehlt, das heißt, er selbst nimmt diese Einschränkung nicht wahr. Dies ist auch als Anosognosie bekannt. Das Neglect-Syndrom ist einem Gesichtsfeldausfall (Hemianopsie) sehr ähnlich, kann daher auch sehr leicht mit diesem verwechselt werden.

Diagnose der Aufmerksamkeitsstörung
Der Arzt hat verschiedene Möglichkeiten, einen Neglect festzustellen. Meist reicht ein einzelner Test nicht aus, um vollkommen sicher zu sein, nur die Kombination mehrerer Diagnose-Hilfsmittel erlaubt einen eindeutigen Befund. So soll der Patient verschiedene Aufgaben lösen, beispielsweise die sogenannte Linienhalbierung. Bei dieser muss der Betroffene horizontale Linien in der Mitte durchstreichen, ist der Strich statt in der Mitte zu einer Seite verlagert, spricht das für einen Neglect-Betroffenen. Auch bei Leseaufgaben oder freiem Zeichnen soll festgestellt werden, ob beide Seiten gleichwertig arbeiten. Neglectpatienten malen beispielsweise nur auf einer Seite.

Hinweise auf das Neglect-Syndrom:

  •  Bei der Körperpflege wird die eine Körperseite vernachlässigt
  • Menschen fangen erst in der Seitenmitte zu lesen an
  • Beim Schreiben wird nur eine Hälfte des Blattes genutzt
  • Es werden nur Speisen auf einer Tellerseite gegessen
  • Patient wirkt antriebslos und gefühlsarm

 Es gibt verschiedene Formen eines Neglects, die nach dem jeweiligen Sinn unterschieden werden, der auf der betroffenen Körperseite eingeschränkt oder gar nicht mehr bemerkt wird.

Beim Visuellen Neglect ist das Sehen auf einer Körperseite eingeschränkt. So wird beispielsweise nur eine Hälfte des Gesichts bemerkt, folglich wird auch nur hier gewaschen und rasiert. Auch beim Essen macht sich diese Störung bemerkbar. So werden nur die Lebensmittel auf der einen Tellerseite verspeist.

Beim Räumlichen Neglect ist das innere räumliche Abbild der den Betroffenen umgebenden Welt verlorengegangen. Diese Störung macht sich besonders beim Zeichnen bemerkbar. Werden die Betroffenen aufgefordert, beispielsweise eine Uhr zu zeichnen, fehlt auf dem Bild die eine Seite des Ziffernblatts. Zudem kann die Körperwahrnehmung gestört sein. Diese Beeinträchtigung äußert sich zumeist in dem Pusher-Syndrom. Hierbei haben die Patienten das Gefühl für die natürliche Ausrichtung des Körpers verloren. Beim Sitzen oder Liegen drücken sie ihren Körper zur gelähmten Körperseite hinüber. Versuchen Angehörige dies zu korrigieren, ist ein deutlicher Widerstand spürbar. So kann man auch eine deutliche Anspannung der Halsmuskulatur beobachten.

Der Akustische Neglect zeichnet sich dadurch aus, dass auf der gestörten Seite akustische Reize wie etwa Stimmen oder Musik nicht wahrgenommen werden. Wenn ein Angehöriger beispielsweise versucht, den Betroffenen von der linken Seite anzusprechen, antworten dieser zur leeren rechten Seite.

Der Neglect kann sich auf die anderen Sinne beispielsweise das Riechen (olfaktorischer Neglect) oder den Tastsinn (Somatosensibler Neglect) beziehen.

Therapie
Im Vordergrund einer Behandlung steht die Verbesserung der Bewältigung der täglichen Alltagsaufgaben (ADL für Aktivitäten des täglichen Lebens oder activities of daily life). Hierbei muss die geschädigte Seite besondere Berücksichtigung finden. Auch sogenannte Hinweisreize können helfen, die Aufmerkamkeit zur vernachlässigten Seite zu richten. So kann beispielsweise eine farbige Linie am Text-, und/oder Tischrand gezogen werden.

Neuere Methoden nutzen Infrarot-Technik oder Computer, um den Blick auf die andere Seite zu lenken. So soll der Patient beispielsweise einer Figur durch eine Landschaft folgen. Ein Spezialhelm mit Infrarot verfolgt die Augenbewegungen, sodass Erfolge gut beobachtbar sind. Auch mit der sogenannten Selbstinstruktionstechnik kann die Aufmerksamkeit gezielt trainiert werden. Bei diesem Verfahren aus der Verhaltenstherapie soll die Vernachlässigung einer Raumhälfte gemindert werden, indem der Patient sich innerlich bestimmte Formulierungen immer wieder vorsagt und so neue Verhaltensmuster lernt.