Beste Konzentration in Sitzposition?


Es ist die allererste Lektion, die Erstklässler lernen: Nachdem sie ihren Platz im Unterrichtsraum zugewiesen bekommen haben, lernen sie, still und ruhig auf ebendiesem zu verharren, bis die Stunde vorbei ist. Einigen Schülern fällt das von Anfang an sehr leicht, während andere sehr darunter leiden, dass ihr natürlicher Bewegungsdrang derart eingeschränkt ist. Hinzu kommt, dass die heutigen Klassenzimmer nicht gerade ein Hort der Modernität und ergonomischer Sitzmöbel sind. So kultiviert die Schule bereits Fehlhaltungen, spätere Rückenbeschwerden sind vorprogrammiert.


Der Mensch im Sitzen
Wissenschaftlern zufolge ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die nächste Entwicklungsstufe des Menschen erreicht ist. Nach dem aufrecht gehenden Erdbürger wird sich die menschliche Rasse zunehmend zum sitzenden Individuum entwickeln. Aus einem stehenden Homo Erectus wird mehr und mehr ein sitzender Homo sedens.

Schulische Disziplinierung
Bereits in der Schule beginnt die Gewöhnung an das Sitzmöbel. Kinder, die ihrer natürlichen Beweglichkeit noch ungezügelt und frei nachgehen, sollen eingeschränkt und kontrolliert werden. Im 19. Jahrhundert gab es zu diesem Zweck noch spezielle Gerätschaften, die ein stürmisches Kind in einen Rechten Winkel zwangen. Der sogenannte Geradehalter, aber auch Brustgurte, stählerne Stirnbänder und Distanzhalter, die man an der Rückenlehne des Stuhls oder auf der Tischplatte befestigte, kamen zum Einsatz. Heute sind solche Maßnahmen zwar antiquiert, aber die gedanklichen Grundlagen sind nach wie vor sehr präsent. So sind auch heute noch manche Pädagogen der Meinung, dass der Lern- und Denkprozess durch Bewegungen des Körpers gestört werden. Das ruhige Sitzen ist in diesem Fall gleich bedeutend mit Aufmerksamkeit. Sitzen bedeutet in den häufigsten Fällen auch schweigen. Das Verharren auf dem Sitzplatz kann demzufolge als eine wirkungsvolle Disziplinierungsmaßnahme verstanden werden, die das Kind durch die körperliche Einschränkung steuern und lenken soll.

Die Macht des Sitzenden
Im Arbeitsleben setzt sich der in der Kindheit antrainierte Sitzzwang fort. Industrienationen sind Sitzgesellschaften, vor allem in hoch entwickelten Ländern ist der Trend zur sitzenden Tätigkeit ungebrochen. Fast 60 Prozent der Berufstätigen üben eine sitzende Beschäftigung aus. Experten sprechen daher im Zusammenhang von Computern und Internet bereits von einer zweiten industriellen Revolution. Im Arbeitsleben kommt dem Stuhl eine fast mythische Position zu. Diese hat vor allem mit dem Status und der Macht der einzelnen Angestellten zu tun. Hierarchische Machtstrukturen am Arbeitsplatz manifestieren sich vornehmlich an der Platz- und Sitzverteilung. Die „Untergebenen“ dürfen erst Platz nehmen, wenn es auch der Vorgesetzte getan hat. Ein Karriereaufstieg ist in unseren Breiten auch immer mit einer Zunahme an sitzenden Tätigkeiten verbunden, selbst in solchen Berufen, in denen man häufig schwere körperliche Arbeit leisten muss, bedeutet eine Beförderung meist ein Schreibtischjob

Denken und Bewegung eng verknüpft
Aber wie ist das nun mit dem Sitzen und der Konzentration? Kann man tatsächlich einen realen Zusammenhang zwischen eingeschränkter körperlicher Aktivität und gesteigerter Hirnleistung feststellen? Viele Menschen erbringen bessere Denkleistungen, wenn sie gleichzeitig einer monotonen Beschäftigung nachgehen. Am besten lässt sich dieses Phänomen am Telefonverhalten beobachten, denn sobald sich das Gespräch entwickelt, beginnen manche, abstrakte Muster aufzuzeichnen. Dieses unbewusste Verhalten nennen Lernpsychologen auch motorische Rückkopplung. Das bedeutet, dass sich neue Gedanken oder Lerninhalte nur festigen können, wenn man sich bewegt. Bereits 1994 erbrachten Forscher den Nachweis, dass Motorik und Kognition im Gehirn eng miteinander verbunden sind. So ist die Anzahl der gebildeten neuen Synapsen - die Verbindung aus mehreren Nervenzellen - deutlich erhöht, wenn im selben Moment irgendeine Form der körperlichen Aktivität erfolgt. Koordinierte Bewegungen regen weiterhin die Produktion von Neurotrophinen an, diese wiederum sind für das Wachstum neuer Nervenzellen verantwortlich. Nur, wenn sich neue neuronale Verknüpfungen im Gehirn bilden, ist es in der Lage, Erlerntes zu speichern.

Dynamisches Sitzen fördert Konzentration
Laut dem Bewegungsspezialisten Dr. Breithecker gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass Lernen nur im Sitzen effizient und wirksam ist. Häufig lässt sich sogar das Gegenteil beobachten; gerade ungeeignete Stuhl-Massenanfertigungen verhindern, dass das Blut ausreichend zirkulieren kann und so alle Organe mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt werden. Besonders Schüler leiden an der dürftigen Ausstattung vieler Schulen. Die meisten Stühle, auf denen Schüler sitzen, weisen eine starre, nach hinten geneigte Stuhllehne auf, die in einer fixen Sitzfläche mündet. Auf diesen Sitzmöbeln wird das Becken statisch fixiert, es schiebt sich nach vorne, der Brust-Bauch-Raum wird eingeengt. Folglich flacht die Atmung ab, das Blut fließt nicht mehr ungehindert durch den Körper, die Sauerstoffversorgung ist nicht mehr so optimal wie sie sein könnte. Eine Auswirkung der falschen Sitzhaltung ist eine gestörte Konzentration. Mehr noch: Viele Schüler leiden bereits in jungem Alter an Wirbelsäulenfehlstellungen, Erwachsene sind nicht minder geplagt von der Volkskrankheit Rückenschmerzen. Dabei sind die Alternativen bereits seit langem bekannt.

Dynamisches Sitzen
Mediziner fordern dynamisches Sitzen, welches beispielsweise mit einem Sitzball realisiert werden kann. Die Vorteile liegen klar auf der Hand. Die Durchblutung ist verbessert, auch die Nährstoff- und Sauerstoffversorgung verändert sich in positiver Weise. Die Funktionalität der inneren Organe wird heraufgesetzt. Geistige Fähigkeiten wie lernen und sich etwas merken können, werden aktiviert und erleichtert. Das Konzentrationsvermögen erhöht sich ebenfalls.
Auch die Wahrnehmungen der kinästhetischen Sinnesempfindungen werden angeregt, das heißt, die Eigenwahrnehmung des Körpers wird gesteigert.

Konzentration am Arbeitsplatz erhöhen
Aber selbst ohne einen dynamischen Arbeitsplatz kann man seine Aufnahmefähigkeit gravierend erhöhen. Dies gilt vor allem für Berufstätige. Jegliche störende Reize sollten aus dem Arbeitsbereich entfernt werden, zudem sorgen Kollegen, ein lautes Radio oder andere Nebengeräusche für eine schlechte Quelle der Inspiration.
Auch ein kurzer Spaziergang in der Mittagspause kann die Hirnleistung erheblich steigern. Bewegung an der frischen Luft führt zu einer Energieleistung von 20 bis 25 Watt, diese schafft eine Mehrdurchblutung des Gehirns von etwa 14 Prozent. Das heißt, die Hirnleistung ist erhöht, auch das Potenzial, neue Inhalte besser aufzunehmen und später wiederzugeben, ist deutlich gesteigert. Spazieren gehen darf aber nicht gleichgesetzt werden mit raschem Gehen, auch „Walken“ genannt. Denn, wer Atem holen muss, denkt nicht mehr viel.
Sogar das Kauen eines Kaugummis trägt zur Förderung der Konzentration bei.

Das Konzept des Bewegten Unterrichts
Eine Fortführung des dynamischen Sitzens ist das Konzept des bewegten Unterrichts. An eigens dafür eingerichteten Schulen lernen Schüler. Das Prinzip folgt der wissenschaftlichen Basis, dass neue Lerninhalte durch ergänzende motorische Übungen besser vermittelt werden können. Diese Philosophie versucht, das Modell der sogenannten „Sitzschule“ zu durchbrechen, um neue Lernmethoden integrieren zu können. Hierzu werden beispielsweise alternative Sitzmöglichkeiten in den Unterricht eingebunden, auch der regelmäßige Wechsel der Sitzposition gehört zum Modell des bewegten Unterrichts. Außerdem sind kurze Bewegungspausen- kurze Unterbrechungen, in denen die Kinder verstärkt dem Drang zur Bewegung nachgehen dürfen- in den normalen Unterrichtsinhalt integriert. Integraler Bestandteil der Unterrichtseinheiten ist ebenfalls die Einbeziehung aller Sinne. Wenn es um die Vermittlung neuer Inhalte geht, soll die Verknüpfung mehrere Gehirnareale eine verbesserte Aufnahme garantieren. Ein neuer Buchstabe des Alphabets wird beispielsweise auf den Rücken eines Mitschülers geschrieben.

Vorteile des Bewegten Lernens
Die Unterschiede zum klassischen Unterricht sind selbst für Außenstehende klar erkennbar. Die Kinder zeigen keine Unruhe- und Nervositätserscheinungen, wenn sich die Langeweile einstellt. Die Aufnahmefähigkeit steigt und hält vor allem länger an, eine Tatsache, die nicht nur den Schülern zugute kommt. Kognitive Prozesse können leichter ausgeführt, neue Inhalte besser verarbeitet und Erlerntes länger gespeichert werden. Zudem hat sich gezeigt, dass auch die Sprachentwicklung vorangetrieben wird. Weitere Auswirkungen sind alles andere als nebensächlich wie eine 2003 durchgeführte Studie auf beeindruckende Weise zeigt. Das Sozialverhalten verbessert sich, die Lernfreude ist erhöht, die allgemeine Lern- und Arbeitsatmosphäre ist deutlich positiver und sogar die Gewaltbereitschaft ist auf einem Niedrigniveau.

Die Peripatetiker
Ein altes Joggersprichwort sagt: „Trau keinem Gedanken, der dir im Sitzen gekommen ist“. Viele Menschen kennen die befreienden Effekte frischer Luft. Fest gefahrene Gedankenmuster lösen sich auf, und neue frische Einsichten erscheinen wie von Geisterhand. All diesen Zeitgenossen ist vielleicht gar nicht bewusst, dass die Tradition, während des Gehens zu denken, gar nicht so neu ist. Bereits vor 2.000 Jahren erkannten Menschen, dass durchaus ein Zusammenhang zwischen körperlicher und geistiger Aktivität besteht. Der altgriechische Philosoph Aristoteles kultivierte diese Form des Denkens, die besten Gedanken kamen ihm beim Gehen. Auch seine Schüler, auch als Peripatetiker (zu dt. Umherwanderer) bekannt, philosophierten vornehmlich an der frischen Luft.
Der Name dieser philosophischen Strömung leitet sich von peripatos“ ab, dem Wort für die griechische Wandelhalle. Diese offene Konstruktion aus Säulen bildete eine ideale Lern- und Denkstätte für die jungen Schüler. So könnte man die stabilen Tragesäulen auch als Metapher für die Gedächtnisstütze sehen Aber Aristoteles war nicht der einzige, der dem bewegenden Gedankenspiel frönte. Bereits 100 Jahre vorher eröffnet Phaidros in dem gleichnamigen Dialog dem Philosophen Sokrates: „Das Einfachste nun ist es für uns, die Füße benetzend das Wässerlein hinabzugehen, und auch nicht unangenehm ist es, zumal in dieser Jahres- und Tageszeit.“ Viel später nahmen auch die mittelalterlichen Mönche diese Tradition wieder auf. Während sie schreitend durch den Kreuzgang der Kirche gingen, lasen sie ihre Handschriften und Erbauungsschriften. Der Schrittrhythmus war dabei dem Lesetempo angepasst. Auch die Toraschüler tragen dem Gedanken Rechnung, dass Bewegung während des Lernprozesses hilfreich ist. Sie wackeln mit dem Kopf, wenn sie ihre Gebote lesen.

Die besonderen Gedanken gehender Denker
Es scheint eine Eigenart von Dichtern und Denkern zu sein, ihren kreativen Prozess durch körperliche Aktivität zu unterstützen. Es sind vor allem Philosophen, die ihre tief greifenden Einsichten in der freien Natur erlangen. Anstatt in staubigen Studierzimmern vor sich hin zu grübeln, gelangen große Denker seit jeher zu den universellen Wahrheiten, wenn sie gleichzeitig körperlich aktiv sind. Viele bekannte Philosophen legen Zeugnis von ihren Prozessen der Bewusstwerdung ab. Der Franzose Montaigne beispielsweise reflektierte über den Zusammenhang zwischen der Bewegung der Füße und dem Geistigen: „Meine Gedanken schlafen ein, wenn ich sitze. Mein Geist geht nicht voran, wenn ihn nicht meine Beine in Bewegung setzen." Auch bei Nietzsche sind Imagination und Verstandesleitung eng miteinander verbunden. In seinem Ecce Homo schreibt er: So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung - in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.