Depression im Alter

Eine Depression im Alter ist nicht selten und stellt eine häufige und belastende Begleiterscheinung des Älterwerdens dar.


Das kleine Wort „alt“ hat in unserer Sprache eine überwiegend negative Bedeutung. Eigentlich ist es in seiner sprachlichen Bedeutung nur das Gegenteil von „jung“, im täglichen Gebrauch jedoch, fällt auf, dass Alter überwiegend negativ wahrgenommen wird. Dabei ist es nebensächlich, ob es um Gegenstände oder Menschen geht. Alt bedeutet, etwas hat seinen Wert verloren, es hat seine Funktionalität eingebüßt, es besteht nicht mehr den Ansprüchen der modernen Welt. Im Kontext des Demografischen Wandels muss man diesem Umstand eine hohe Bedeutung beimessen, denn viele Menschen fühlen sich diskriminiert, wenn man sie alt nennt. Sie würden lieber als „Senioren“, „Best agers“ oder „Silver Surfer“ bezeichnet werden.

Steigerung der Lebenserwartung
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Lebenserwartung in den Industrienationen erheblich gesteigert. Wurden die Menschen des 19. Jahrhunderts nur durchschnittlich 40 Jahre alt, kann heute ein neu geborenes Kind etwa 80 Jahre alt werden, wenn man den Statistiken Glauben schenken darf. Ein etwa 60jähriger Mensch hat derzeitig noch rund ein Drittel seines Lebens vor sich. Das ist eine an sich positive Entwicklung, wäre da nicht eben dieser schwierige Umgang mit der älteren Generation. So kommt es, dass auch die Betagten selbst des Prozess des Alt Werdens als negativ empfinden, sie fühlen sich ausgegrenzt, auf das sprichwörtliche Abstellgleis geschoben.

Depression im Alter
Traurigkeit oder Niedergeschlagenheit bei älteren Menschen wird oft als unausweichlich oder als normaler Teil des Älterwerdens dargestellt. Aber dem ist nicht so, denn Depressionen sind eine behandelbare psychische Erkrankung.
Depressionen gehören neben der Demenz zu den häufigsten psychiatrischen Krankheiten im Alter. Unter den 65jährigen leiden etwa fünf Prozent unter einer behandlungsbedürftigen Depression. Menschen, die in einem Alters- oder Pflegeheim leben, weisen sogar ein deutlich höheres Risiko auf, an diesem Leiden zu erkranken. Etwa 10 bis 15 Prozent aller betreuten älteren Menschen haben Depressionen. Die Suizidgefahr im Alter ist deutlich erhöht, angesichts einer wachsenden Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit sehen viele alte Menschen keinen anderen Weg, als vorzeitig aus dem Leben zu scheiden.

Wechselspiel Krankheit und Depression
Die Dunkelziffer der Erkrankungen ist vermutlich sogar noch viel höher, da alte Menschen dazu neigen, ihren Beschwerden wenig Bedeutung beizumessen oder sie sogar bagatellisieren. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch das Wechselspiel aus bereits bestehenden körperlichen Leiden und beginnenden psychischen Problemen. So wird eine allgemeine Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit – wie sie oft bei Depressionen vorkommt – oft als Symptom des Alterungsprozesses gesehen. Zunehmende Verschlechterung von Konzentration und Merkfähigkeit erleben ebenfalls häufig eine falsche Interpretation als normales Alterssymptom. Im Zuge der beginnenden Depression verlieren die Menschen zunehmend das Interesse an ehemals geliebten Tätigkeiten und Hobbys. Außerdem haben sie in Gesprächen mit Angehörigen Probleme, dem Gesprächsverlauf zu folgen. Wenn sie sich daraufhin an die zuvor besprochenen Einzelheiten nicht mehr erinnern können, wird das in vielen Fällen als Gedächtnisverlust ausgelegt. Hinzu kommt, dass die Betroffenen selbst eine objektiv nicht wahrnehmbare Verschlechterung ihrer Fähigkeiten erleben. Den eigenen Fehlleistungen wird viel mehr Bedeutung beigemessen, als ihnen eigentlich zusteht. Anders als bei Depressionen im jungen Erwachsenenalter, rücken bei einer  Depression im Alter physisch wahrnehmbare Symptome in den Vordergrund. Die Betroffenen erleben Schwindel- und Schwitzattacken, leiden unter Schmerzen und Übelkeit. Bei einer gründlichen allgemeinärztlichen Untersuchung kann oft keine Erkrankung festgestellt werden, der Zusammenhang körperliche Beschwerden und Depression wird nur in den seltensten Fällen hergestellt, auch, weil viele Ärzte keine Weiterbildung auf dem Gebiet der Gerontomedizin genossen haben.

Physische Krankheit oder Depression?
Aber selbst diese physischen Leiden treten nicht immer offen zutage. Manchmal ist selbst den Betroffenen nicht bewusst, dass sie an einer psychischen Erkrankung leiden. Auch Anzeichen, die Begleiterscheinungen einer Krankheit sind, werden nicht ernst genommen und erfahren deshalb häufig keine Behandlung. So können Appetitverlust oder Schlafstörungen bei Depressionen, aber auch bei Herzkrankheiten und Verdauungsstörungen auftreten.
Die Abgrenzung zwischen dem normalen Alterungsprozess und dem dadurch bedingten Leistungsabfall und einer durch Depression verursachte Leistungsminderung ist nicht immer klar ersichtlich. Sowohl Angehörige, die Betroffenen selbst aber auch Ärzte müssen lernen, die geänderten Grundvoraussetzungen der Depression im Alter zu erkennen.

Soziale Rahmenbedingungen ändern sich
Für das Entstehen einer Depression kann nie nur eine Ursache verantwortlich gemacht werden, in den meisten Fällen ist es ein Zusammenspiel aus genetischen, biologischen, sozialen und psychischen Gründen, die das Entstehen einer solchen psychischen Erkrankung begünstigt. Eine Depression im Alter ist wie keine andere Erkrankung unmittelbar mit den geänderten Lebensumständen in diesem neuen Lebensabschnitt verbunden. Ein alternder Körper ist in unserer, nach Jugend und äußerlicher Attraktivität strebenden Gesellschaft, nicht sehr hoch angesehen. Zudem stellt der Alterungsprozess eine Erfahrung dar, die in den wenigsten Fällen von angenehmen Gefühlen begleitet ist. Die persönliche Leistungsfähigkeit nimmt immer weiter ab, die körperlichen Beschwerden häufen sich. Auch die Angst vor der Zunahme der physischen Beeinträchtigung, die zur Invalidisierung, Pflegebedürftigkeit oder Abhängigkeit führen kann, ist stark ausgeprägt.

Einschneidende Veränderungen
Das Leben eines alternden Menschen ist grundsätzlichen Veränderungen unterworfen, die von jedem individuell verarbeitet werden müssen. So schwinden mit jedem weiteren Tag die möglichen Zukunftsperspektiven. Der Ausstieg aus dem Arbeitsleben ruft in den meisten Älteren ein Gefühl der eigenen Wertlosigkeit hervor. So lange ein Mensch noch berufstätig ist, liegt das Alter noch in weiter Ferne. Beruflicher Erfolg hebt das Selbstwertgefühl, nach der Pensionierung jedoch bricht die Bedeutung der nun geänderten Lebenssituation über den Alten herein. Eng verbunden mit dem Eintritt ins Rentenalter ist eine Änderung des sozialen Status. Die in vielen Fällen dürftige Rente deckt gerade einmal die Lebenshaltungskosten, finanzielle Extravaganzen gehören nun ins Reich der Utopie. Oft müssen ältere Menschen umziehen, weil die alte Wohnung mit den begrenzten finanziellen Mitteln nicht mehr zu bezahlen ist. Die wirtschaftlichen Belastungen werden mit jedem Tag größer.
Ein geänderter Tagesablauf verdeutlicht die neue Rolle des alten Menschen, es gibt nichts mehr zu tun, plötzlich besteht der Tag aus einer unermesslich langen Zeitspanne, die mit Tätigkeit gefüllt werden muss. Wenn nun keine neuen Beschäftigungen gefunden werden, ist die Gefahr groß, dass innerliche Konflikte unvermittelt an die Oberfläche kommen und den alten Menschen überwältigen.

Das Leben ist (zu) kurz
Oft treten zu dieser schwierigen Ausgangsituation weitere erschwerende Faktoren hinzu.
Das Wissen um die eigene Sterblichkeit wächst mit jedem neuen Tag, wenn nahe Freunde oder der eigene Partner versterben. Verlustereignisse ersetzen nun die Hoffnung und die Aussicht auf glücklichere Zeiten. Es wird zunehmend schwieriger, im gewohnten Tempo des Alltags (der Jungen) mitzuhalten. Manche müssen ihnen nahe stehende Menschen pflegen und sind angesichts der hohen physischen und psychischen Belastung völlig überfordert.
Lange vermuteten Forscher auch, dass zerebrales Altern die maßgebliche Ursache für Depressionen im Alter sind. Man fand heraus, dass die Gehirnbotenstoffe (Neurotransmitter) Noradrenalin und Serotonin nun – im Zuge des Alterns ein normaler Prozess – weniger gebildet werden, zugleich konnte ein Anstieg der Monoaminooxidase (MAO) und 5-Hydroxyindolessigsäure (5-HIAA) festgestellt werden. Zudem besteht ein klarer Zusammenhang zwischen bestehenden Gehirnschädigungen und dem Entstehen einer Depression, so werden etwa 40 Prozent der Schlaganfall-Patienten nach ihrer Erkrankung depressiv. Ein Umstand, der sich nicht nur die körperlichen Behinderungen erklären lässt.

Atypischer Verlauf erschwert Diagnose
Die charakteristische Altersdepression ist durch ihren – im Vergleich zu einer Depression in jüngeren Jahren – normwidrigen Verlauf gekennzeichnet. Die depressiven Episoden sind einerseits länger, auch die Intervalle zwischen den einzelnen Phasen sind viel kürzer. Auch ist eine typische Depression im Alter häufig nicht von Traurigkeit sondern von diversen körperlichen Beschwerden bestimmt. Eine Depression bei älteren Menschen wird oft als Verschlechterung einer bereits diagnostizierten Krankheit gesehen. Ebenso ist oft nicht klar, ob die Krankheit die Folge einer Depression ist oder deren Ursache.

Alterszwillinge: Depression und Demenz
Auch die Abgrenzung zu anderen alterstypischen Krankheiten wie etwa der Demenz ist selbst für Mediziner nicht immer leicht. Beide Erkrankungen weisen eine große Palette gemeinsamer Symptome auf, die eine Differenzierung erschweren. So treten sowohl bei Demenz aber auch bei einer Depression kognitive Defizite auf. Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit und erhöhte Ängstlichkeit gehören ebenfalls zum Spektrum beider Krankheiten. Betroffene leiden häufig unter Schlafstörungen, erleben stark verlangsamte Körperabläufe und sind in ihrer psychomotorischen Beweglichkeit gehemmt. Zudem ziehen sich alte Menschen immer mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurück und beginnen, ihren Körper und dessen Bedürfnisse zu vernachlässigen.

Verdacht auf Depression
Bei Verdacht auf eine Depression hat das Pflegepersonal die Möglichkeit einen standardisierten Test in verkürzter Form durchzuführen. Hierzu werden sogenannte Depressionsskalen zu Hilfe genommen. Der Laie oder Angehörige hat diese Möglichkeit nicht. Sie sind in der Regel auf ihre Beobachtungsgabe und ihre Menschenkenntnis angewiesen. Sollte man bei einem älteren Menschen eine depressive Tendenz feststellen, ist die erste Anlaufstelle der Hausarzt. Dieser überweist den Betroffenen im Bedarfsfall an einen Psychiater.

Antidepressivum gegen Verstimmung
Die bewährte Therapie besteht aus einem Zusammenspiel dreier verschiedener Ansätze. Zum einen werden in der Regel Antidepressiva verschrieben. Ergänzend kommen psychotherapeutische Gespräche hinzu, zuletzt gehört auch die Hilfe bei der notwendigen Änderung der belastenden Lebenssituation zum festen Programm der Behandlung.
Bei einer akut bestehenden Selbstmordgefahr wird der Psychiater zunächst ein hoch dosiertes synthetisches Antidepressivum verordnen. Den häufig auftretenden Symptomen wie Appetitverlust, Schlafstörungen oder Antriebslosigkeit – die häufig Elemente des depressiven Menschen sind – können diese Medikamente innerhalb von höchstens vier Wochen entgegenwirken. Der Psychiater muss bei der Wahl des geeigneten Medikaments aber auf mögliche Wechselwirkungen mit anderen Präparaten – die alte Menschen aufgrund bestehender Krankheiten bereits einnehmen – achten, um Wechselwirkungen zu vermeiden. Moderne Antidepressiva haben aber in der Regel kaum Nebenwirkungen, sie beeinträchtigen weder den Blutdruck, die Herzfunktion, die Sehschärfe noch die Verdauung. In manchen Fällen empfiehlt es sich auch, pflanzliche Alternativen in Erwägung zu ziehen, um der Depression anzugehen. Johanniskraut ist hier eine taugliche Lösung.

Psychotherapie – den Problemen auf den Grund gehen
Den zweiten Pfeiler einer erfolgreichen Therapie bildet die Gesprächs- oder Soziobehandlung. Im systematischen Gesprächen werden die Ursachen der psychischen Verstimmung erforscht. Im Idealfall erfolgt ein solches Heilverfahren in einer Gruppe, die nicht nur therapeutischen Nutzen hat, sondern auch wichtige Kontakte zu anderen Menschen herstellt. Dies führt fast automatisch zu einer Verbesserung der zwischenmenschlichen Kontakte und der Beziehungen zu anderen Menschen. Die Isolation wird durchbrochen, der Depressive findet erneut Anschluss an die Gesellschaft, wird zum Teil des Lebens. Unterstützende Behandlungen umfassen eine Beschäftigungstherapie (Ergotherapie), in der Fähigkeiten und Fertigkeiten erkannt und trainiert werden. Ebenso werden psychomotorische Talente identifiziert, aber auch die Schulung vernachlässigter kognitiver Möglichkeiten, etwa dem Gedächtnis, der Konzentration, der Fantasie oder der Kreativität gehört zum Therapieprogramm. Den dritten Schritt Richtung Leben bildet die sogenannte psychosoziale Unterstützung. Hier versuchen Sozialarbeiter – gemeinsam mit dem Depressiven – die als belastend empfundenen Lebensumstände so zu ändern, dass negative Gefühle gemindert werden. Hierzu werden beispielsweise finanzielle Hilfen angeboten, aber auch die Suche nach einer befriedigenden Wohnlösung ist Bestandteil der gemeinsamen Arbeit. Bei schweren Depressionen mit starker Suizidabsicht wird der Betroffene stationär behandelt.