Der Arzt und seine eigene Gesundheit

Achtet ein Arzt wirklich mehr auf die eigene Gesundheit oder haben Sie die gleichen Laster wie andere Menschen auch?


Viele Menschen haben das Potenzial gesunder Ernährung erkannt. Sie essen die empfohlenen fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag, trinken viel Wasser und sind körperlich aktiv. Das Ziel all dieser Menschen: sie wollen ihr Risiko, an bestimmten chronischen oder degenerativen Leiden zu erkranken, senken und so ihre Lebenserwartung steigern. Nun müsste man meinen, dass gerade Ärzte besonderen Wert auf Gesundheit legen. Schließlich sind sie es doch, gemeinsam mit den Ernährungswissenschaftlern, die uns immer wieder auf den Nutzen einer gesunden Lebensweise hinweisen. Aber weit gefehlt: Ärzte sind keineswegs gesünder als der Rest der Bevölkerung, im Gegenteil,  ein Arzt ist sogar besonders gefährdet, gefährliche Drogen-Abhängigkeiten zu entwickeln.

Ärzte wenig Empathie
Der amerikanische Psychiater Roy Menninger, dieser hatte in den vergangenen 20 Jahren mehr als 1.000 Arztkollegen wegen Depressionen behandelt, stellte zwischen seinen Patienten erstaunliche Gemeinsamkeiten fest. So waren diese auffallend distanziert und zeigten einen großen Mangel an „emotionaler Schwingungsfähigkeit“, auch Empathie genannt. Menninger stellte fest, dass sich bei einem Großteil seiner Patienten eine erschreckende Gefühlskälte offenbarte. Auch sei die Fähigkeit, Mitgefühl für ihre Patienten zu empfinden, im Laufe eines langen Berufslebens immer weniger geworden und schließlich ganz verloren gegangen. Aus dem idealistischen Wunsch, anderen helfen zu wollen, entwickelt sich bei vielen Ärzten eine tiefe Verachtung und ein weit reichender Zynismus. Rationalität und Kühle treten an die Stelle von menschlicher Wärme und Verständnis für die Sorgen und Nöte der Patienten, die über das Medizinische hinausgehen.

Der süchtige Halbgott
Seit Jahren kann eine Zunahme psychischer Probleme unter Medizinern beobachtet werden. Viele Ärzte werden depressiv, leiden unter einem verminderten Selbstwertgefühl und flüchten schließlich in die Sucht. Etwa sieben bis neun Prozent der Ärzte in Deutschland stecken in der Suchtfalle, sagen vorsichtige Schätzungen. Legt man diese Zahl zugrunde, wären 30.000 deutsche Mediziner betroffen. Damit liegt der Anteil um ein dreifaches höher als in der restlichen Bevölkerung. Doch nicht alle Ärzte sind gleichermaßen gefährdet, in die Sucht- Falle zu tappen. Es sind vor allem die Klinikärzte, allen voran Chirurgen und Anästhesisten, die in eine Abhängigkeit rutschen. Auch angehende Ärzte betäuben Panikattacken oder Erwartungsdruck mit Alkohol oder Tabletten. Mediziner, die in einer Gemeinschaftspraxis arbeiten, sind weniger anfällig für die Veränderungen, die eine Arztkarriere mit sich bringt.
Der Großteil der Ärzte ist dem Alkohol verfallen. Oft kommen noch Tabletten hinzu. Hier sind besonders Opiate, beispielsweise Präparate mit dem Wirkstoff Codein, beliebt. Dieser wirkt beruhigend und stimmungsaufhellend. Gerade in Stresssituationen, wie sie im Klinikalltag fast täglich zu finden sind, können Tabletten die Nervosität eingrenzen, und dem Arzt helfen, den persönlichen Leistungsdruck besser zu ertragen. In den USA werden Leberzirrhosen – eine Folge Jahre langen Alkoholmissbrauchs – etwa dreimal so häufig an Ärzten festgestellt als an dem Rest der Bevölkerung.

Der entmachtete Übermensch
Die Gründe für die psychische Labilität sind vielfältig. So ist der Hauptgrund sicherlich in der immensen Arbeitsbelastung zu suchen, die einen Arzt täglich fordert. Jeden Tag müssen schwere und folgenschwere Entscheidungen getroffen werden, die im Einzelfall über Leben und Tod entscheiden. Häufig müssen sich Ärzte auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentrieren. Untersuchungen haben gezeigt, dass nach einem 30 Stunden langen Arbeitstag die Konzentrationsfähigkeit dermaßen gesunken war, dass sie der eines Menschen mit einem Alkoholgehalt von einem Promille entspricht. Zudem zeigt sich oft ein erheblicher Unterschied zwischen der Erwartungshaltung des Patienten und der Selbsteinschätzung des Mediziners. Hilfsbedürftige Menschen neigen dazu, Ärzte zu idealisieren, er ist der Retter in der Not, an ihn werden alle Hoffnungen geknüpft. Sie erwarten, dass ihnen bei jedem erdenklichen Gesundheitsproblem geholfen wird. Der Arzt auf der anderen Seite leidet häufig unter einem Gefühl der Minderwertigkeit. Daraufhin arbeitet er mehr und hofft so, sich die gewünschte Anerkennung und Wertschätzung zu verdienen. Die Folge: der Arzt vernachlässigt seine eigene Gesundheit, stellt sein Wohlbefinden hinter das seiner Patienten. Hinzu kommt oft ein gesteigertes Kontrollbedürfnis. Ärzte glauben, dass sie aufgrund ihrer Ausbildung eventuelle Probleme mit sich selbst regeln müssten. Die Konsequenz dieser Verdrängungs- und Verschleppungsstrategie ist ein langsames Hinübergleiten in einen teuflischen Kreislauf. Mithilfe ihres Krankenhausausweises ist es kein Problem an die gewünschten Medikamente zu gelangen, dazu kommt, dass Kollegen die Probleme häufig ebenfalls verdrängen und zögern, den Betroffenen darauf anzusprechen. Im Schnitt dauert es ganze sechs Jahre, bis ein süchtiger Arzt als arbeitsunfähig eingestuft wird und dringende psychiatrische Hilfe in Anspruch nimmt.