Die Rollen sind klar verteilt: da ist zum einen die entzückende Hauptdarstellerin, ihr Gesicht strahlt in freudiger Erwartung, sie befühlt ihren kugelrunden Bauch, sieht in die Videokamera und winkt noch einmal all den Verwandten, die nicht dabei sein konnten. Die zweite Hauptrolle nimmt das Ungeborene ein. Noch friedlich dahindämmernd im Bauch der Mutter bereitet es sich auf die Welt draußen vor. Man ahnt es schon: auch das Baby wird alle Augen auf sich ziehen, die kleine Nase, die winzigen Händchen, die Kulleraugen - all die Attribute rosa glänzender Babys - auch er oder sie wird sie haben.
Neben der alles einnehmenden Hauptrolle und dem spektakulären zweiten Hauptdarsteller verblasst die Bedeutung des werdenden Vaters. Er verkommt zum nutzlosen Assistent und fast ohnmächtigen Fragesteller; seine Hilfsangebote wirken verzweifelt und oftmals bleibt ihm nur die Beobachterposition. Er macht die Fotos- hinterher- und badet den Nachwuchs, während sich die Mutter von den Strapazen erholt.
Geburt ist eine Frauensache
Der weltweite Vergleich zeigt: gebären ist eine Frauensache. In vielen Staaten und Naturvölkern ist der Vater bei der Geburt ausgeschlossen. Die Tibeter beispielsweise glauben, dass eine Geburt sich oft verzögert, weil das Kind für eine erste Kontaktaufnahme mit dem Vater zu schüchtern ist. Seit Anbeginn der Menschheit vollführen werdende Väter komisch anmutende Rituale, wenn die Partnerin schwanger ist. Das Couvade-Ritual (franz. für brüten) ist Bestandteil vieler Kulturen, beispielsweise der amerikanischen Ureinwohner, der Menschen in Papua Neuguinea, der Basken in Nordspanien oder Einwohner zahlreicher afrikanischer Stämme. In vielen primitiven Naturvölkern sind derartige Rituale noch heute zu beobachten. Der auch als Männerkindbett bezeichnete Brauch ahmt häufig die Schwangerschaft und die nachfolgende Geburt nach. So separieren sich die Männer von der Sippe, bauen für die neue Familie ein Zuhause und füllen es mit Nahrungsmitteln und Kleidung. Wenn sich die Geburt ankündigt, ziehen sich die Männer in ihr Nest zurück und täuschen die geburtstypischen Krämpfe (Wehen) vor und imitieren den Geburtsschmerz, bis die Frau mit dem Neugeborenen die Hütte betritt. Forscher sehen in derartigen Ritualen eine Art Adoptionszeremoniell, um sowohl die Beziehung zum Neugeborenen herzustellen als auch dessen Legitimität zu bestätigen. Andere Wissenschaftler glauben, das der Mann böse Geister-, denen eine Schwangere ausgesetzt ist, durch die nachgeahmte Schwangerschaft ablenken soll. Nur deutschen Männern scheint bei der Geburt eine Sonderrolle zuzukommen. Er ist bei der Geburt unmittelbar anwesend, ihm kommt die wichtige Aufgabe zu, die Gebärende sowohl moralisch als auch physisch zu unterstützen.
Männer ausdrücklich erwünscht
Ältere Generationen haben eine Geburt deutlich anders in Erinnerung. Da nahm der werdende Vater auf ungemütlichen Holzstühlen Platz und wartete beharrlich auf die frohe Botschaft, dass ein Bub oder Mädel geboren wurde. In Zeiten erhöhter Anspannung, etwa, wenn ein besonders lauter Schrei durch die Glastüren nach außen dringt, wird gar die Zigarette hervorgeholt. Erleichterung stellt sich erst ein, wenn die nette Schwester mit dem Baby im Arm den Flur betritt und den Nachwuchs vorstellt. Es ist stets ein perfekter Augenblick. Das Neugeborene, mollig warm in blauen oder rosa Deckchen gehüllt, schlummert friedlich. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrtausends vollzog sich ein Paradigmenwechsel - der Mann war plötzlich nicht mehr unhygienisch, er musste fortan nicht mehr draußen warten, er durfte dabei sein, wenn das Kind das Licht der Welt erblickt. Heute werden in Deutschland etwa 90 Prozent der Geburten von den männlichen Partnern begleitet.
Geburt stärkt die Paarbeziehung
Der neue Feminismus soll es gewesen sein, der dafür verantwortlich gemacht wird, dass jetzt auch Männer Zutritt ins Allerheiligste - den Kreißsaal - haben. Was auch immer der Grund für die neue männliche Unterstützung beim weiblichsten aller Ereignisse ist, Eltern, die gemeinsam den Nachwuchs zur Welt gebracht haben, sind sich einig: Es war ein Gewinn für die Partnerschaft. Auch Beziehungstherapeuten sprechen sich für die Anwesenheit des Mannes bei der Geburt aus. Er könne nicht nur beruhigend auf seine Partnerin einwirken, ihm wird auch die Gelegenheit gegeben, eine besondere innige Verbindung zu seinem Kind aufzubauen. Bevor sich Paare jedoch zu einer gemeinsamen Geburt entschließen, sollte ausführlich kommuniziert werden. Was sind die Erwartungshaltungen an den Mann und wie sollte bei Komplikationen vorgegangen werden. Solche und ähnliche Fragen müssen unbedingt im Voraus besprochen werden, um Enttäuschungen zu vermeiden, die die Partnerschaft belasten. Auch sollten sich die Männer, ähnlich ihren Partnerinnen, auf die Geburt vorbereiten. Begriffe wie Dammschnitt oder PDA (Periduralanästhesie) dürfen keine Fremdworte mehr sein, wenn der erste Fuß in den Kreißsaal gesetzt wird.
Die Wurzeln der Liebe
Doch nicht alles ist „Friede-Freude-Eierkuchen“ im Geburtsland. So behauptet der französische Gynäkologe Michel Odent, dass anwesende Väter den Geburtsverlauf entscheidend beeinflussen. Und das nicht zum Vorteil der Mutter. Denn diese habe durch wiederholte Zwischenrufe, verbale Unterstützungsformeln und gehauchte Liebesschwüre keine Gelegenheit, sich in die schmerzfreie Zwischenwelt - eine Form der Trance - zu begeben, dieser Übergang, der eine belastende Geburt überhaupt erst ermöglicht. Wenn der Vater bei der Geburt hingegen anwesend ist, müssten die Anstrengungen maximiert, die letzten Kräfte mobilisiert werden, um die Geburt zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Aus langjähriger Praxis könne er berichten, dass die Geburt oftmals erst richtig in Gang kommt, wenn der Mann den Kreißsaal verlassen hat. Die Frau presst ein letztes Mal und plötzlich ist alles ganz schnell vorbei, berichtet der Frauenmediziner. Verfolgt der Partner aber die Geburt, hätte das deutliche Konsequenzen. So steigt der Bedarf nach Schmerz stillenden Medikamenten stark an. Die Erklärung des Gynäkologen ist einfach: Die gebärenden Frauen wollten ihren Partner nicht mit ihren Schmerzen belasten. Derselbe Grund könnte auch der Grund für die höhere Anzahl der Kaiserschnitte sein. Beweise für seine Beobachtungen gibt es aber nicht. Deutsche Hebammen berichten übereinstimmend von der großen Unterstützung, die Männern ihren Partnerinnen während der Geburt zukommen lassen. Eine Umfrage unter 315 ehemaligen Gebärenden des Carl-Thiem Klinikums zeigte gar, dass "die Anwesenheit des Partners keinerlei Einfluss auf das Geburtserleben“ hat.
Zwei Seelen in meiner Brust
Odents Buch zeigt auch die Zerrissenheit vieler moderner Frauen auf. Zwei verschiedene Seelen schlügen in ihrer Brust- so der Pionier der sanften Geburt. Da ist zum einen die rational-verbale Ebene, die sich nichts sehnlicher wünscht als die Unterstützung ihres Partners, auf der urtümlich-physiologischen Ebene jedoch wünschen sich viele Frauen, unbeobachtet und frei zu sein. Insgeheim wünschen sich viele Frauen, dass sie den überaus intimen Moment der Geburt nicht teilen müssten. In Umfragen des Primal Health Research Centers London - dem Krankenhaus, in dem auch Odent arbeitet - gaben 41 Prozent der Mütter an, dass sie im Nachhinein lieber auf die Anwesenheit des Mannes bei der Geburt verzichtet hätten.
Die Angst des Vaters
Obwohl sich viele Frauen wünschen, dass der Mann bei dem intimen Moment der Geburt dabei ist, haben die werdenden Väter oft ein ambivalentes Verhältnis zu dem Ereignis. Viele wollen nicht zugeben, dass sie Angst haben und doch lieber vor der Tür warten würden. Trotz diverser Ängste entscheiden sich aber immer mehr Männer dafür, bei der Geburt des Kindes dabei zu sein. Diverse Umfragen haben ergeben, dass etwa 90 Prozent derjenigen Männer, die einer Geburt beigewohnt haben, ihre Anwesenheit als nützlich einschätzen. Sie sahen ihren Beitrag vor allem in der emotionalen Unterstützung der Frau und der Erleichterung der körperlichen Anstrengungen. Auch berichteten sie, dass die (eheliche) Beziehung von dem Ereignis profitiert habe. Aber es gibt auch den kleinen Teil, die mit dieser Erfahrung nur negative Gefühle verbindet. Die laut schreiende Partnerin habe sie zutiefst verstört, oftmals ist sogar die Sexualität der Paare nach einer gemeinsamen Geburt stark eingeschränkt. Das vorherrschende Gefühl ist aber das der Schuld; schließlich war es der Mann, der die geliebte Partnerin in diese Situation gebracht hat.
Unterstützen statt behindern
Die Rolle des Mannes orientiert sich an den Bedürfnissen der Frau. So kann der werdende Vater als Vermittler zwischen seiner gebärenden Partnerin und dem medizinischen Personal fungieren. Wo könne man ein Tuch finden, mit dem man den Schweiß von der Stirn wischen könne, wo sind die Eiswürfel, die man der erschöpften Partnerin zum Lutschen gibt? Und so sind es vor allem die kleinen Gesten, die eine Gebärende so schätzt. Ein liebevoller Blick, eine sanfte Hand auf dem angespannten Arm- die Wirkung ist oft riesengroß. Große Gefälligkeiten oder verunsichertes Nachfragen sind indes weniger gern gesehen. So müssten Hebammen von Zeit zu Zeit sogar den ein oder anderen Mann höflich bitten, eine kleine Pause einzulegen. Die Geburtsbegleiterinnen spielen überhaupt eine tragende Rolle im großen Geburtstheater. Sie versorgen die Frau mit fachlichem und seelischem Beistand, sind die Nahtstelle zwischen Mutter und Kind. Doch auch die Hebamme ist kein allzeit bereites Allroundtalent. Genau hier sind Männer tatsächlich eine reelle Stütze; denn eine Hebamme kann oft nicht während des gesamten Geburtsvorgangs anwesend sein, andere Gebärende oder notwendige organisatorische Erledigungen verlangen ihre Aufmerksamkeit. Konkrete Unterstützung und seelischen Beistand können werdende Väter vor allem in diesen Leerlaufphasen geben.
Männer sind verschieden
Hebammen haben verschiedene Männertypen feststellen können. So gebe es den Trainer, der seinem Original in nichts nachsteht. Mit lauten Anfeuerungsrufen will er seine Partnerin unterstützen, das Kind soll förmlich herausmotiviert werden. Ganz anders der „Ingenieur“, er ist ganz fasziniert von den medizinischem Instrumentarium - etwa dem Wehenschreiber, fast schon stoisch wendet er seinen Blick von der Geburt hin zur Krankenschwester oder dem Arzt, um deren fachliche Kompetenzen anzuzapfen. Dokumentare hingegen sind eine aussterbende Rasse - jene Männer, die jede einzelne Geburtssekunde erfassen, protokollieren, für die Nachwelt archivieren wollen. Da werden Fußabdrücke genommen, zahlreiche Fotos gemacht und jedes kleinste Detail akribisch notiert.