Bereits 1689 wurde erstmals ein Fall von Magersucht bei einem Jungen dokumentiert. Jahrhundertelang galt eine Essstörung dennoch als eine Frauenkrankheit, die bei Männern nicht auftritt. Erst in den letzten Jahren findet auch in diesem Bereich, wenn auch noch wenig, Forschung statt. Mittlerweile leiden Männer immer häufiger an allen Arten von Essstörungen. Fünf bis zehn Prozent der Magersüchtigen und zehn bis 15 Prozent der Bulimiker sind bereits männlich. Besonders davon betroffen sind Jungen zwischen zehn und 25 Jahren. Der Krankheitsverlauf unterscheidet sich nicht von dem der Frauen.
Unklares Rollenverständnis
Die Ursachen einer Essstörung bei Männern sind denen der Frauen ähnlich. Hier wird oft der Wandel des Männerbildes beziehungsweise die Emanzipation als Grund genannt. In der heutigen Zeit ist die Rolle des Mannes nicht mehr klar definiert. Er war bis vor kurzer Zeit der Ernährer der Familie. Nun können sich die Frauen selbst versorgen. Hinzu kommt, dass die Arbeitsplatzsicherheit nicht mehr gewährleistet und die Arbeitslosigkeit hoch ist. Die Männer verlieren dadurch ihr Selbstbewusstsein. Sie wissen nicht mehr, wohin sie gehören, wozu sie überhaupt noch benötigt werden und das verunsichert viele. Durch eine steigende Scheidungsrate wachsen immer mehr Jungen ohne männliche Bezugsperson auf. Hieraus könnte resultieren, dass Männer unbewusst weibliche Verhaltensmuster übernehmen. Die Medien vermitteln nun auch den Männern, dass ein perfekter schlanker und muskulöser Körper zu mehr Erfolg und Anerkennung verhilft. Zusätzlich werden die Essstörungen, wie bei Frauen auch, durch persönliche Probleme, wie Ärger in der Partnerschaft oder Stress im Beruf und psychische sowie physische Vorerkrankungen verursacht. Ob Homosexualität den Ausbruch einer Essstörung begünstigt, konnte wissenschaftlich noch nicht endgültig geklärt werden. Homosexuelle Männer legen aber tendenziell mehr Wert auf ihre äußere Erscheinung, was wiederum eine Essstörung begünstigt, aber nicht zu einer Erkrankung führen muss. Da die Akzeptanz von Essstörungen bei Männern in der Gesellschaft noch immer sehr gering ist, wurde bei der Erforschung dieser Krankheiten das Augenmerk eher auf die Frauen gerichtet. Erst in den letzten Jahren beschäftigt man sich auch mit der Untersuchung von Essstörungen bei Männern. Daher sind auch die Gründe für einen Krankheitsausbruch bei Männern noch nicht vollständig geklärt. Sie scheinen den Ursachen, die bei Frauen gefunden werden, stark zu ähneln. Von einigen Experten wird die Frage gestellt, ob sich die Anzahl essgestörter Männer überhaupt in den letzten Jahren gesteigert hat oder lediglich mehr Männer die Krankheit eingestehen.