Hat der Blinddarm wirklich keine Funktion?

Laut Darwin benötigt man den Blinddarm nicht. Dennoch hat er wichtige Aufgaben zu erfüllen


Der zehnjährige Max liegt im Bett und klagt über Bauchschmerzen. Alles hat damit begonnen, dass er keinen Appetit auf seine Lieblingsspeise Spaghetti mit Tomatensoße hatte. Nachdem er zu seiner Mutter gesagt hat, dass er heute zu Hause bleiben möchte, hat er sich ins Bett gelegt und versucht zu schlafen. Aber im Laufe des Tages sind die Bauchschmerzen immer schlimmer geworden. Auch hat sich die Position der Schmerzen verändert. Sie haben auf der Höhe des Bauchnabels begonnen, nun schmerzt der ganze untere rechte Bereich des Bauches. In der letzten Stunde ist hohes Fieber hinzugekommen, auch muss sich Max erbrechen. Nun geht plötzlich alles ganz schnell, die Mutter ruft den Krankenwagen, der Max ins Krankenhaus bringt. Ein paar Stunden später wird Max aus dem Operationssaal geschoben, er schläft noch, aber nach dem Aufwachen wird er keine Schmerzen mehr haben, denn der Chirurg hat die Quelle des Übels entfernt.

Eine kleine Anatomiestunde
Was Max so große Schmerzen verursacht hat, waren Bakterien in seinem Blinddarm, genauer gesagt in dem kleinen erweiterten Teil – dem Wurmfortsatz – auch Appendix genannt. Der Darm, eines der wichtigsten Verdauungsorgane des Menschen, ist aus mehreren Bestandteilen aufgebaut. Er besteht im Wesentlichen aus drei Teilen: dem Dickdarm, den Dünndarm und dem Mastdarm. Der Dünndarm ist der längste Teil des Darms, in einer Länge von circa fünf Metern schlängelt er sich zu einem riesigen Netz – auch Gekröse genannt – zusammen. Der Dünndarm endet schließlich im Dickdarm, der sich wie eine Art Rahmen um den Dünndarm legt. Der buckelig erscheinende Dickdarm läuft in den Blinddarm hinein. Vom unteren Teil des Blinddarm geht ein etwa fünf- bis zehn Zentimeter langer Fortsatz ab, dieser ist nun der Appendix. Der Mastdarm schließlich bildet den Endpunkt des Dickdarms, er findet seinen Abschluss im Rektum.

Darwins Evolutionstheorie
Der Mythos vom funktionslosen Blinddarm beginnt mit dem Biologen Charles Darwin. In seiner denkwürdigen Schrift „Die Entstehung der Arten“ (engl. On the origin of the species), die das Zentrum der Evolutionsforschung bildet, erklärt er, wie sich verschiedene Spezien durch Anpassung an äußere Umstände und natürliche Selektion im Laufe der Jahrhunderte weiter entwickelt haben. Die Idee der Evolution ist die Entstehung einer komplexen Art – beispielsweise des Menschen – aus einer einfachen Zelle. Dies wurde möglich, indem sich die verschiedenen Spezies an einen einfachen Überlebensplan hielten. Mithilfe zielloser Mutationen im Erbgut passten sich Tiere und Pflanze an eine sich verändernde Umwelt an und waren in der Lage, fortzubestehen. Dieses Prinzip nennt sich auch „Überleben der Stärksten“. Im Laufe der Evolutionsgeschichte sind nun viele ursprüngliche Organe und Strukturen des Körpers überflüssig geworden, unter ihnen auch das menschliche Steißbein und der Appendix. Wie die männlichen Brustwarzen oder die Weisheitszähne haben sie im Lauf der Evolution ihre Funktion verloren und existieren nur noch als Rudimente einer vergangenen Zeit. Darwin selbst beschäftige sich eingehend mit dem Wurmfortsatz. Obwohl er überzeugt war, dass die rudimentären Organe ein Argument für seine Theorie sind, war er sich auch der Widersprüche seiner Idee bewusst.

Das Konzept der Rudimentären Organe
Rudimentäre oder verkümmerte Organe oder Strukturen sind aber ganz anders als im Volksgebrauch bekannt, keineswegs nutzlos. Sie haben lediglich im Laufe der Evolution einen Großteil ihrer einstigen physiologischen Funktion verloren. Aus Mangel an Gebrauch, erinnert sich der Körper immer weniger an die Existenz dieser Organe und greift immer seltener auf sie zurück. Der Evolutionsbiologe nennt diese Körperstrukturen auch atrophiert.
Im Jahr 1893 schlug der deutsche Anatom Robert Wiedersheim eine Liste von 86 rudimentären Strukturen vor, die angeblich im Laufe der Evolution ihre ursprüngliche Funktion verloren hätten. Zu diesem umfangreichen Katalog gehören auch der Thymus, die männlichen Brustwarzen, die Weisheitszähne, bestimmte Ohrknöchelchen und eben auch der Blinddarm. All diese Strukturen hätten Wiedersheim zufolge einen Funktionswandel durchlaufen und existieren nun als Überreste inmitten unseren Organismus.
Viele der aufgeführten Strukturen konnte mit dem Aufkommen moderner wissenschaftlichen Forschungsmethoden eine wichtige Bedeutung zugewiesen werden, andere haben lediglich eine Funktion als Rückhalt, wenn ein Organ ausfällt, übernehmen sie deren Aufgaben. Andere haben nur geringfügige, ergänzende Eigenschaften.

Kreationismus vs. Evolution
Die Gegner der Evolutionstheorie – die Kreationisten – zweifeln die Präsenz der rudimentären Organe sogar stark an. Sie halten die Lebenszeit des Planeten Erde für zu kurz, als dass sich derart komplexe evolutionäre Prozesse abgespielt haben können. Vielmehr glauben sie an einen einzigartigen schöpferischen Akt eines einzigen Individuums (Gott), das für die unermessliche Artenvielfalt verantwortlich ist. Die Befürworter der Evolutionstheorie wiederum sehen in der Existenz der verkümmerten Organe einen Beweis, der gegen die Schöpfungstheorie spricht. Schließlich würde eine intelligenter Schöpfer (Intelligent Design) dem Menschen doch keine funktionsuntüchtigen Organe geben.

Der Blinddarm und seine Funktion
Nach heutigem Stand der Wissenschaft handelt es sich bei dem Blinddarm keineswegs um ein rudimentäres Organ. Er übernimmt vielmehr eine bedeutungsvolle Aufgabe im menschlichen Verdauungssystem. Besonders für Kinder stellt der Wurmfortsatz eine wichtige Aufgabe dar. In dem kleinen Körperteil fanden Wissenschaftler eine nicht geringe Anzahl lymphatischer Zellen – auch Lymphfollikel genannt –, die denen in anderen Teilen des Lymphsystems nicht unähnlich sind. Somit ist der Appendix ebenfalls ein, wenn auch kleiner Teil, des menschlichen Lymphsystems, dessen Funktion darin besteht, den Körper vor jedweder Form schädlichen Einflusses zu bewahren. In dieser Eigenschaft hat es eine immunologische Bedeutung, das heißt, es bekämpft in den Körper eindringende Krankheitserreger und macht sie unschädlich. Zudem bildet der Wurmfortsatz einen Rückzugsort für überaus wichtige Darmbakterien, denn dieser ist durch seine Position unzugänglich für die meisten Krankheitserreger. Diese guten Bakterien sorgen für eine gesunde Darmflora, sie schützen beispielsweise die Dickdarmschleimhaut vor Krankheitserregern. Werden die guten Bakterien, die sich normalerweise zu Millionen im Darm tummeln, durch eine Verdauungsstörung (Durchfall) zerstört, kann der Darm durch die im Appendix gespeicherten Bakterien von Neuem mit den wichtigen Bakterien besiedelt werden. In seiner immunologischen Funktion könnte der Appendix also das Äquivalent zur Thymusdrüse im Darm sein, diese wird auch als Gehirn der körpereigenen Immunabwehr bezeichnet.

Ohne Blinddarm immungestört?
Der Appendix übernimmt vor allem in den ersten Lebensjahren eine immunologische Bedeutung. Später sorgen andere Teile des Lymphsystems für die Abwehr schädlicher Organismen. Dazu gehören unter anderem die Lymphknoten, die Milz, das Knochenmark und der Thymus. Wenn nun also der Wurmfortsatz aufgrund einer Entzündung entfernt werden muss, besteht kein Grund zur Sorge. Das Immunsystem kann auch ohne den Wurmfortsatz störungsfrei arbeiten. Der Appendix stellt somit ein nicht zu unterschätzendes, aber tendenziell verzichtbaren Teil des menschlichen Immunsystems dar. In dieser Bedeutung ähnelt es stark den Rachenmandeln.