Hohes Alter ist auf die Gene zurückzuführen

Entscheidet das Altersgen über hohes Alter und unsere Lebenserwartung?


Der medizinische Fortschritt entwickelt sich in einem rasantem Tempo. Heute sind Ärzte nicht nur in der Lage, schwere Krankheiten zu bekämpfen, auch Blinden kann das Augenlicht wiedergegeben werden. Eine Hornhauttransplantation macht es möglich. Doch ein Leiden bleibt noch unbesiegt. Es ist die eine Krankheit, gegen die selbst Spezialisten und Koryphäen noch keine Therapie entwickeln konnten. Wir alle werden ihr erliegen. Die Rede ist vom Tod. Zwar kann der Alterungsprozess bereits verlangsamt werden- eine ausgewogene Ernährung, viel Bewegung, kein Nikotin und möglichst wenig Alkohol sollen das Leben verlängern- aber aufgehalten werden kann er nicht. Noch nicht. Amerikanische Wissenschaftler sagen, dass die Forschung bereits im Jahr 2050 genügend Kenntnisse haben wird, um biologisch unsterblich zu sein. Forscher in aller Welt- die sogenannten Altersforscher, auch als Gerontologen bezeichnet, beschäftigen sich mit dem Phänomen des Alterns und dem ewigen Menschheitstraum Unsterblichkeit.

Die Insel der Alten
Ein kleines Eiland inmitten des Pazifischen Ozeans gibt den Forschern Rätsel auf. Denn hier- in der 47. Präfektur Japans-Okinawa- leben die ältesten Menschen der Welt. Die Frauen werden etwa 86, die Männer immerhin noch 78 Jahre alt. Viele Menschen haben hier schon die magische 100 Jahres-Grenze überschritten. Das Besondere: Bis ins hohe Alter hinein erfreuen sich die Greise blendender Gesundheit. Krebserkrankungen sind genauso ein Fremdwort wie kardiovaskuläre Krankheiten oder Diabetes. Auch degenerative Gehirnerkrankungen wie beispielsweise Alzheimer kennt man hier nicht. Was ist das Geheimnis der Okinawaer, warum werden gerade hier so viele Menschen 100 Jahre und älter?

Die Okinawa-Diät
Die drei Mediziner Makoto Suzuki, Craig und Bradley Willcox wollten dem Geheimnis der alten Japaner auf die Spur kommen und beobachten die Einwohner über einen Zeitraum von 25 Jahren hinweg. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass vor allem der allgemeine Lebenswandel und insbesondere die Ernährung ausschlaggebend für das hohe Alter ist. Die rüstigen Japaner ernähren sich sehr bewusst und fettarm. Das heißt, besonders frisches Obst und Gemüse, aber auch Ballaststoffe stehen auf dem täglichen Speiseplan. Tierische Fette werden sehr wenig gegessen, so die Forscher. Nur der, reich an Omega-3-Säuren-reiche Fisch wird oft genossen.
Das Besondere an der Okinawa-Diät aber ist die Menge der aufgenommenen Kalorien. So beenden die Menschen ihre Mahlzeit oft schon, wenn der Hunger noch nicht völlig gestillt ist und der Sättigungsrad erst circa 80 Prozent erreicht hat.

Dicke Amerikaner- dicke Japaner
Dass nicht die Gene, sondern die Ernährung für das hohe Alter verantwortlich ist, zeigt die Studie ebenfalls. Besonders deutlich wird das, wenn gebürtige Okinawaer die Insel verlassen. Bereits nach kurzer Zeit stellen sich erste Veränderungen ein: die vormals fitten Japaner nehmen zu, bekommen Diabetes und leiden schließlich auch an den uns bekannten Zivilisationskrankheiten, Diabetes, Krebs und Verkalkungen der Herzkranzgefäße (Arteriosklerose). Dasselbe Schicksal könnte auch bald den Insulanern selbst blühen, denn die traditionelle Lebensweise gerät immer mehr in Vergessenheit. Fast Food, kalorienreiche Lebensmittel und der sorglose Umgang mit dem Essen ist sicher nicht nur der nahen amerikanischen Militärbasis geschuldet. So ist Okinawa bereits jetzt die japanische Region mit den meisten Übergewichtigen.

Hohes Alter - Ernährung oder Gene?
Aber nicht nur die Ernährungsgewohnheiten, auch eine genetische Prädisposition, besonders alt zu werden, wurde von Forschern bereits einer näheren Prüfung unterzogen. So sollen bestimmte Gene dafür verantwortlich sein, dass einige Menschen 100 Jahre alt werden. Äußere Umweltfaktoren könnten diese genetische Vorbestimmung aber noch steigern.

Die Jagd auf das Altersgen
Die Altersforscher, Biologen und Chemiker dieser Welt haben die Jagd eröffnet. Ihr Ziel: das Altersgen. In zahlreichen Labors wird in Petrischalen geschaut, Tiere beobachtet und Genexperimente durchgeführt. Man verspricht sich einiges: Leben soll nicht nur lange gelebt werden, sondern auch lebenswert sein. Von der Unsterblichkeitspille wird insgeheim geträumt, die einmal täglich eingenommen und ein hohes Alter garantiert.
Man ist der Suche nach dem Schlüssel zum ewigen Leben bereits ein ganzes Stück weit näher gekommen. Grundlage der Altersforschung sind die sogenannten „pathways“-spezielle Alterspfade-auf ihnen übermitteln Langlebigkeitsgene ihre molekularen Botschaften. Auf diese Weise schalten sie andere Gene ein und steuern damit deren Aktivität.

Lebensverlängerndes Gen entdeckt
Einen ersten kleinen Erfolg konnten die Wissenschaftler bereits erzielen. Beliebtes Versuchsobjekt ist auch diesmal der Fadenwurm Caenorhabditis elegans. Nachdem man die DNS-Struktur und die Lebenserwartung in Relation gesetzt hatte, fand man das Gen daf-2. Den Forschern zufolge besitzt es lebensverlängernde Eigenschaften. Es ist dafür verantwortlich, dass ein bestimmtes Langlebigkeitsprotein an seinen Zielort gelangt, nämlich in das Innere jeder einzelnen Körperzelle. Dort wartet der Zellkern auf eine Reihe von Genen, auch auf eben jenes Langlebigkeitsprotein. Schalteten die Forscher daf-2 aus, gelangten die Informationen nicht mehr in die Zelle, der Wurm starb. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dieses Gen eine Art Regelmechanismus im Organismus des Wurms darstellt, der den Alterungsprozess steuert, ihn gleichzeitig aber auch bremsen kann.

Die Wurmdiät
Bereits in den 1930ern entdeckte man den Zusammenhang zwischen reduzierter Nahrungsaufnahme und langer Lebensdauer. Damals gab man einer Gruppe Mäusen deutlich weniger Nahrung während die Kontrollgruppe normal fressen durfte. Die hungrigen Mäuse überlebten ihre wohlgenährten Artgenossen um einiges. Seither testeten Wissenschaftler auch Fliegen, Hunde und Würmer. Immer wieder konnte ein lebensverlängernder Effekt festgestellt werden, wenn die Nahrung drastisch reduziert wurde. Auf den vergangenen Ergebnissen basierend, begann die Forschungsgruppe um den Biologen Andrew Dillin eine neue Untersuchung. Versuchsobjekt: Caenorhabditis elegans. Nach eingehenden Versuchen konnte man ein einzelnes Gen isolieren, das für den lebensverlängernden Effekt der Schonkost verantwortlich scheint. Sein Name ist PHA-4. Schalteten die Forscher dieses Gen aus, starben die Tiere früher, obwohl sie weiterhin eine reduzierte Futtermenge bekamen. Sorgten sie aber im Gegenzug für eine hohe Aktivität des Gens, stieg die Lebensdauer um bis zu 30 Prozent, wenn die Würmer normal fraßen. Bei kalorienarmer Kost stieg die Lebenserwartung sogar noch weiter an. Obwohl die Testergebnisse Dillins viel versprechend sind, dürfen sie dennoch nicht überbewertet werden. So könne man nicht einfach die Resultate auf den Menschen übertragen. Weitere Untersuchungen müssten folgen, um das Ergebnis kalorienreduzierter Kost auch am Menschen nachzuweisen. Doch bislang mangelt es an willigen Probanden, denn diese müssten über einen sehr langen Zeitraum hinweg mit einer begrenzten Nahrungsaufnahme leben.

Die Studie der Hundertjährigen
Thomas Perls und seine Kollegen vom Boston Medical Center initiierten 1994 eine bis dato einzigartige Studie. Sie befragten Hundertjährige und deren Angehörige, um die Existenz eines Altersgens beweisen zu können. Mehr als 2.000 Männer und Frauen sowie 444 Familien waren Bestandteil der bis heute weltweit größten Untersuchung. Man fand heraus, dass die Brüder und Schwestern der 100jährigen im Schnitt 16 bis 17 Jahre älter wurden als die normale Bevölkerung. Wichtigstes Ergebnis aber war die Bestätigung der Hypothese, dass 100Jährige altersbedingte Krankheiten, beispielsweise Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs, Diabetes und Alzheimer, verzögert erfahren oder gar völlig von ihnen verschont bleiben. Es scheint bewiesen, dass, einmal diese Grenze erreicht, der Alterungsprozess nur noch sehr langsam voranschreitet. Dieser Überlebensvorteil sei vermutlich auf genetische Faktoren aber auch Umwelteinflüsse zurückzuführen, so die Forscher. Und in der Tat konnten die Wissenschaftler einige auffällige Ähnlichkeiten feststellen, die eine noch größere Bedeutung spielen, wenn man die Unterschiede in Bildungsgrad, sozialem Status und den Ernährungsgewohnheiten mit einbezieht. So waren kaum eine Handvoll der Alten übergewichtig, besonders die Männer hatten ein sehr schlankes Erscheinungsbild. Nur sehr wenige rauchten. Auffällig war auch, dass viele der Frauen ihr erstes Kind erst zwischen dem 35 und 40. Lebensjahr bekommen hatten. Es ist sogar so, dass eine Frau, die nach ihrem 40. Lebensjahr noch ein Kind- auf natürlichem Weg- bekommt, eine viermal höhere Chance hat, 100 oder älter zu werden.

Das Altersgen
Ein Jahr nach der Hundertjährigen Studie schließen sich Wissenschaftler, darunter auch der Thomas Perls, verschiedener Universitäten, unter anderem die renommierte Harvard Uni, zusammen, um dem Altersgen erneut auf den Grund zu gehen. Untersuchungsgegenstand dieses Mal: 137 Geschwisterpaare . Ein Teil des Paares musste jeweils mindestens 98 oder älter sein, der Bruder oder die Schwester 91 oder älter. Bisher hatten Genforscher und Gerontologen vermutet, dass einige hundert Gene für das Altern verantwortlich seien. Aber die Forscher sagen, dass es vermutlich nur einige wenige Gene sind, etwa vier bis sechs, die dem Träger ein außergewöhnlich langes Leben bescheren. Nach eingehenden DNS-Analysen stellte man fest, dass eine winzige Region auf Chromosom 4 bei allen Testpersonen vom Genmaterial anderer Menschen abweicht.

Das Methusalem Projekt
Auch in Deutschland wird emsig an der Erforschung des Alters geforscht. Das größte Bio- Projekt Deutschlands wird derzeit in Kiel durchgeführt. Die Wissenschaftler um den Molekularbiologen Stefan Schreiber suchen nach den ältesten Deutschen. 92 Jahre müssten sie mindestens alt sein, um in die „Forschungsgruppe Gesundes Altern“ aufgenommen zu werden. Und so erhalten die Forscher täglich mehrere wattierte Umschläge mit den wertvollen Blutproben der rüstigen Greise. Nachdem die Biologen die roten von den weißen Blutkörperchen, denn nur diese enthalten die wertvolle DNS, getrennt hat, wird das Erbgut in einem mehrere Stunden andauernden Verfahren herausgefiltert. Stefan Schreiber erhofft sich einiges von dieser Studie, er glaubt, den genetischen Vorteil einiger Menschen nachweisen zu können. Denn seiner Meinung nach, beträgt der Anteil der Gene an einer hohen Lebenserwartung 30 bis 50 Prozent.