Ist Gähnen ansteckend?

Ist Gähnen ansteckend? Funktioniert der Reflex auch bei Tieren? Wir klären den Mythos rund um's Gähnen im Detail auf


Jedem wird die Situation bekannt vorkommen: Man sitzt mit Freunden gemütlich beisammen. Das Abendessen wurde verzehrt, der Rotwein geleert, die Kerzen sind heruntergebrannt, nun unterhält man sich in gelockerter Atmosphäre über die Sorgen und Nöte des Alltags. Und plötzlich passiert es: einer der Gäste beginnt ausgiebig zu gähnen. Bald danach zeigt auch der nächste deutliche Anzeichen von Müdigkeit. Schnell ist man sich einig; es ist schon spät, man vereinbart, sich ein anderes mal wiederzutreffen. Abschiedsformeln werden ausgetauscht und nur wenige Minuten nach dem ersten Gähnen sind die Gastgeber allein. Es stellt sich die Frage: Ist Gähnen ansteckend?

Nasenatmer vor Gähn-Virus bewahrt
Obwohl viele Theorien zum Gähnen aufgestellt worden sind, sind die Forscher dem eigentlichen Grund noch nicht deutlich nähergekommen. Eines ist aber erkennbar geworden: Nur auf  jeden Zweiten wirkte ein herzhaftes Gähnen ansteckend. Auch die Reaktionszeit ist unterschiedlich lang, so benötigen einige Menschen nur wenige Sekunden, um ebenfalls zu gähnen, andere verarbeiteten den Reflex erst nach mehreren Minuten. Verschiedene Erklärungsansätze, die der Ursache des Gähnens auf den Grund gehen, klingen recht einleuchtend. Die beiden Wissenschaftler Andrew und Gordon Gallup von der State Universität in New York behaupten beispielsweise, dass dieses Ritual der Thermoregulierung des Körpers dient. Die beiden Psychologen sagen auch, dass die Art der Atemtechnik einen entscheidenden Einfluss auf das Gähnen habe. In einem Experiment unternahmen sie den Versuch, ihre These wissenschaftlich zu belegen. So sollte eine Gruppe ausschließlich durch die Nase atmen, eine andere hielt kühlende Pads an die Stirn. Die dritte Gruppe atmete ganz normal. Beim Betrachten von Aufnahmen gähnender Menschen zeigte sich, dass sich nur die letzte Gruppe von dem Gähnen anstecken ließ. Sowohl die Nasenatmer als auch diejenigen, die ihre Stirn kühlten, blieben sich von dem Film unbeeindruckt und gähnten nicht. Die Forscher schließen nun, dass der Nasenatmung eine essenzielle Funktion zukommt. Da die hereinströmende Luft auch das Blut innerhalb des Riechorgans abkühlt, fließt anschließend das Blut in merklich gesunkener Temperatur in das Gehirn. Dies wiederum ist wichtig, da nur ein optimal temperiertes Gehirn seinen komplexen Aufgaben im vollen Ausmaß nachkommen kann.

Gähnen kein Zeichen für Sauerstoffmangel
Eine andere vermutete Ursache des Gähnens wurde zwischenzeitlich entkräftet. Anders als bisher angenommen, sorgt der Reflex nicht für einen Sauerstoffausgleich im Gehirn. Den wissenschaftlichen Beweis erbrachte der Psychologe Robert Provine. Er ließ eine Versuchsgruppe ein Luftgemisch mit einer erhöhten Konzentration Kohlendioxid einatmen. Aber der fehlende Sauerstoff wurde nicht mit (vermehrtem) Gähnen ausgeglichen.

Gähnen markiert soziale Zugehörigkeit
Forscher gelangen immer mehr zu der Überzeugung, dass Gähnen nicht so sehr ein körperliches Symptom als viel mehr ein sozialer Marker ist. Bereits für die Urform des Menschen war eine funktionierende Kommunikation von hoher Bedeutung. Das Verhalten anderer Menschen musste eingeschätzt werden, um das Überleben zu sichern. Gefahren konnten so frühzeitig erkannt und umgangen werden. Eine Strategie der sozialen Anpassung ist seit jeher die Nachahmung. Bereits Babys imitieren die Sprache und die Bewegungen der Mutter. Verantwortlich für dieses Verhalten sind die sogenannten Spiegelneuronen. Sie bilden ein enges Netz aus Nervenzellen im Gehirn. Dieses Geflecht nimmt die Verhaltensweisen anderer Menschen auf, vergleicht sie mit dem eigenen Repertoire und interpretiert sie. Gähnen wäre demnach eine Imitation sozialen Verhaltens.

Mitfühlendes Gähnen
Aber nicht alle Menschen sind gleichermaßen geneigt, mitzugähnen. Catriona Morrison und ihr Team stellten auf dem British Association Festival of Science in York die Empathie- Theorie vor. Demnach gähnen nur besonders einfühlende Menschen mit. Zuvor hatten die britischen Wissenschaftler eine Versuchsgruppe in ein volles Wartezimmer mit einem notorisch müden Menschen gesetzt. Was allerdings nur die Wissenschaftler wussten: der ständig gähnende Mann war Mitglied der Forschergruppe. Im Anschluss mussten die Probanden verschiedene Gesichter in unterschiedlicher Gemütsregung einschätzen, um deren Empathiefähigkeit zu messen. Als Ergebnis zeigte sich, dass diejenigen mit der größten Mitfühlungsgabe häufiger und auch viel schneller auf das Gähnen des Mannes reagiert hatten.
Die britischen Forscher bestätigten damit die Ergebnisse des Wissenschaftsteams um Stephen Platek von der Drexel Universität. Sie hatten bereits Jahre zuvor erfolgreich beweisen können, dass Menschen mit geringer Empathiefähigkeit relativ unbeeindruckt bleiben von gähnenden Mitmenschen.

Autisten sind anders
Seelisch kranken Menschen, beispielsweise Schizophrenie-Patienten, aber auch Autisten fehlt die Gähn-Reaktion völlig. Da diese Menschen die Gefühle anderer nur sehr schwer einschätzen können, zeigen sie auch keine Anzeichen dieser Form der sozialen Anpassung. Ein Versuch der Forschergruppe um den Japaner Atsushi Senju demonstrierte dies an autistischen Kindern. Ihnen wurden Filme gähnender Frauen und Männer vorgespielt, anders aber als die gleichaltrigen Kontrollkinder ahmten die Autisten das Gähnen nicht nach. Eine Erklärung, die die Forscher unbeachtet ließen, ist eine mögliche Beschädigung der Spiegelneuronen- jene Nervenzellen, die zuvor beobachtete Aktionen aufnehmen, nachvollziehen und gegebenenfalls nachahmen. Auch achten autistische Menschen mehr auf den Mund als auf die Augenpartie. Da aber gerade die Augen den Auslöser für den Gähnreflex darstellen, bleibt demzufolge eine Reaktion aus.

Synchrones Übergangsritual
Eine andere Erklärung für den Gähn-Effekt liefert die Übergangsthese. So soll Gähnen eine große Bedeutung in dem Wechsel zwischen Ruhe und Aktion einnehmen. Morgens, beispielsweise, wenn viele Menschen gähnen, zeigt der Körper an, dass nun die Ruhephase vorbei ist und die aktive Phase begonnen hat. Abends ist es dann dementsprechend umgekehrt. Der Körper soll auf die nächtliche Pause eingestellt werden. Da viele Menschen besonders zu diesen beiden Tageszeiten vermehrt gähnen, könnte diese Handlung auch wieder als sozialer Akt verstanden werden. Das gemeinsame Gähnen soll einen inneren Zusammenhalt symbolisieren und gleichzeitig die Aktivitäten einer Gruppe synchronisieren. So wird sichergestellt, dass alle Mitglieder, auch ohne Worte, gemeinschaftlich handeln, ohne jemanden auszuschließen. Das Beispiel vom Anfang zeigt es deutlich; indem einer der Gäste beginnt zu gähnen, signalisiert er, dass er für eine neue Handlung bereit ist. Indem nun alle anderen das Gähnen imitieren, kann der Tagesablauf mehrerer Menschen miteinander koordiniert werden. In diesem Fall ist es die Ruhephase oder der Schlaf, der nun beginnen soll. Würden nur einige Menschen müde, während andere aufbleiben, wäre bald der Zusammenhalt der Gruppe gefährdet.

Tierische Übertragung
Auch bei Tieren kann dieses Verhalten beobachtet werden- so ahmen Primaten, hauptsächlich Schimpansen und Orang Utans, Gesten oder eben Gähnen der Rudelmitglieder nach. Auch sie reagieren mit deutlichem Nach-Gähnen, wenn ihnen gähnende Artverwandte vorgeführt werden. Auch der Grad der Bekanntschaft spiele dabei eine große Rolle, so die Forscher des TiHo Zentrums für Neurowissenschaften. Seien es unbekannte Tiere, reagierten die Beobachter deutlich verhaltener als bei Bekannten. Der Biologe Konrad Lorenz interpretiert derartiges tierisches Verhalten als eine Art Stimmungsübertragung; er hat zum Beispiel bei Vögeln solche ausgeprägten Verhaltensweisen beobachtet. Wenn einzelne Gänse genug gegessen hätten, würden sie Signale zum Aufbruch geben, etwa angekündigt durch angedeutetes Flügelschlagen. Dieses Verhalten überträgt sich alsbald auf die gesamte Gruppe.
Bei Menschen ist eine solche Stimmungsübertragung mit einem Lächeln vergleichbar. Man signalisiert eine Handlungsbereitschaft und überträgt auch eine freundliche Stimmung auf den anderen. Dieser reagiert ebenfalls mit einem Lächeln.