Können Vitamintabletten das tägliche Obst essen ersetzen?

Können Vitamintabletten das tägliche Obst essen und die natürlichen Vitamine ersetzen?


Etwa 35 Prozent der Deutschen nehmen regelmäßig oder zeitweilig Nahrungsergänzungsmittel ein. Bei den Senioren liegt die Zahl derer, die ihre Ernährung durch künstliche Zusätze ersetzen sogar noch höher. Aber auch solche Menschen, die nie in ihrem Leben eine der funktionellen Pillen eingenommen haben, sind dem Thema Nahrungsergänzung nicht grundsätzlich abgeneigt. Mit eingehenderer Werbung könnten auch diese Menschen dazu gebracht werden, täglich den Apfel liegen zu lassen und stattdessen die Vitamintabletten einzuwerfen. Die Vitaminindustrie hat ihr Ziel einer umfassenden Versorgung mit Ersatzpräparaten fast erreicht. Doch ist damit der Gesundheit all jener, die auf die gesundheitsfördernden Wirkungen der bunten Tabletten vertrauen auch wirklich gedient?

Vitamintabletten - die neuen Heilsbringer
Dass Nährstoffe für das Überleben notwendig sind, ist längst kein Geheimnis mehr. Sie sollen sogar noch mehr leisten, von wunderbaren lebensverlängernden und sogar Krankheit vorbeugenden Wirkungen ist oft die Rede, wenn die Hersteller ihre Produkte anpreisen. Besonders Multivitaminpräparate werden von den Deutschen hoch geschätzt. Sie sollen den Körper präventiv gegen die schrecklichsten Krankheiten schützen und dafür sorgen, dass man sich immer strahlender Gesundheit erfreut. Krebs, Diabetes, Herzinfarkt, Altersblindheit, Osteoporose- all diese Leiden soll man einfach präventiv wegessen können. Der Hauptgrund für die Heroisierung von Vitaminergänzungen sind die sogenannten Antioxidanzien. Diese Substanzen im menschlichen Körper sind wie eine Art Armee, die alle freien Radikale unschädlich machen soll. Und diese sind wahrlich ein Feind, den es zu bekämpfen gilt. Hautalterung, Gefäßverkalkung (Arteriosklerose) und andere altersbedingte Krankheiten sind die Folge zu vieler Radikalstoffe im Organismus. Doch Forscher sagen nun, dass diese Radikale sogar nützlich sind. So sind sie bei vielen Abwehr- und Reparaturvorgängen im Organismus beteiligt. Sie wehren Mikroorganismen ab und zerstören als Fresszellen schädigende Bakterien. Wenn die positive Rolle der freien Radikale größer ist als bisher angenommen, wäre eine Auslöschung dieser geradezu fatal. Umfangreiche wissenschaftliche Studien, die den Nutzen der Abwehrstoffe belegen, stehen aber noch aus.

Ganzjährig Obst essen
Ein einziger Apfel verfügt über mehr als 300 verschiedene Inhaltsstoffe. In einem einzigartigem Zusammenspiel verschiedener Wirkungen ernährt er nicht nur unsere Zellen, sondern sorgt auch für unser Wohlbefinden. Andere Obstsorten sind ähnlich wertvoll für unsere Gesundheit. Doch der Biss in einen knackig roten Boskop ist nicht mehr ungetrübt. Wachsende Besorgnis über durch Schadstoffe verunreinigtes Obst und Gemüse, aber auch die Gentechnologie verunsichert gesundheitsbewusste Verbraucher. Die Hersteller diverser Nahrungsergänzungen argumentieren auch, dass der Vitamingehalt von Obst in den letzten Jahren dramatisch zurückgegangen sei. Von 70 Prozent Nährstoffverlust wird großmundig gesprochen, wenn die Vorzüge der Nahrungsergänzungen angepriesen werden. Doch für diese Behauptungen existieren keinerlei wissenschaftliche Beweise. Das Gegenteil ist der Fall. Durch die konstante Weiterentwicklung von Züchtungs- und Erntemethoden konnte der Nährstoffgehalt einzelner Obst- und Gemüsesorten sogar noch gesteigert werden. Spezielle Kreuzungen haben beispielsweise dafür gesorgt, dass der Vitamin-C-Gehalt in einzelnen Apfelsorten erheblich gestiegen ist. Zudem haben es Menschen, die sich vollwertig und abwechslungsreich ernähren möchten, heute viel leichter als noch vor Jahrzehnten. Dank ausgeklügelter Ernte- und Transportmethoden können die Verbraucher nun auch im Winter frische Erdbeeren, und im Sommer Spargel konsumieren. Verschiedene Obst- und Gemüsesorten sind praktisch unbegrenzt erhältlich, saisonale Begrenzungen sind längst keine Entschuldigung mehr für den Griff zur Tablette.

Natürlich versus synthetisch
Dem Körper ist es eigentlich egal, in welcher Form ihm die Nährstoffe zugeführt werden. Chemisch betrachtet, weisen sowohl die natürliche Variante als auch die synthetisch hergestellten große Ähnlichkeiten auf. Wenn es aber um die eigentliche (quantitative) Verwertbarkeit für den Körper geht, müssen sich die Ersatzpräparate geschlagen geben. Grundsätzlich können synthetisch hergestellte Vitamine viel schlechter vom Körper verwertet werden als das Naturprodukt. Ein Beispiel ist Vitamin E, um auf die empfohlene Tagesdosis zu kommen, müsste man die Dosierung drastisch erhöhen. Ein nicht ganz billiger und teilweise auch nicht ungefährlicher Ersatz für die natürliche Variante. Denn alle Getreidesorten, aber auch Spargel und Grünkohl enthalten viel des essenziellen Vitamins. Es ist eigentlich fast nicht möglich, einen Mangelzustand zu entwickeln, dennoch enthalten viele Kombinationspräparate auch dieses Vitamin.

Natürlich wirklich Natur pur?
Ein Apfel ist immer natürlich. Bio-Produkte versprechen sogar eine noch höherwertigere Natürlichkeit. Vitaminergänzungen sind es nicht. Obwohl sie chemisch gesehen dieselbe Struktur aufweisen wie die echten Vitamine, bestehen doch erhebliche Unterschiede. Zudem sind die unterschiedlichen Bezeichnungen nicht sehr verbraucherfreundlich. „Naturidentische“ Vitamine stehen zwar in chemischer Hinsicht den natürlichen nicht nach, diese weisen aber nur einen Bruchteil der Wirkung der natürlichen Variante auf. Ähnlich sieht es mit den „aus natürlichen Rohstoffen gewonnenen“ Vitaminen (mithilfe chemischer Hilfsmittel aus Lebensmitteln gewonnen) und den „natürlichen Vitaminen“ (geringe Mengen natürlicher Vitamine aus Obst und Gemüse) aus. Auch sie können nur anteilig so effektiv wirken wie ein natürliches Lebensmittel.

Deutschland kein Vitaminmangelland
Die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung herausgegebenen Richtwerte könnten mit einer gesunden und vollwertigen Mischkost problemlos erreicht werden. Man braucht kein diplomierter Ernährungswissenschaftler zu sein, um seinen Tagesbedarf decken zu können. Ein abwechslungsreicher Speiseplan, der ab und an auch mal Fast Food enthalten darf, sorgt für eine ausreichende Versorgung mit allen wichtigen Nährstoffen und Vitaminen. Obwohl einige Personengruppen über einen erhöhten Bedarf verfügen, etwa Schwangere und Vegetarier, ist Deutschland (laut der DGE) kein Vitaminmangelland. Die Gründe für eine bestehende Unterversorgung sind vor allem in einer falschen Ernährung zu suchen. Menschen, die einen Mangel an Vitaminen aufweisen, essen einfach gesagt nicht genügend Obst, so die Wissenschaftler. Aber die viel beworbenen Kombipräparate sind oftmals nicht in der Lage, einen bestehenden Mangelzustand auszugleichen. Anstatt genau das fehlende Vitamin in konzentrierter Form zuzuführen, wirkten sie wie eine unspezifische „Schrotflinte“ und führen auch Nährstoffe zu, die vom Körper gar nicht gebraucht werden.

Gefährliche Überversorgung
Menschen, die falsche Ernährungsgewohnheiten mit künstlichen Präparaten ausgleichen möchten, sollten Vorsicht walten lassen, denn im Gegensatz zum natürlichen Produkt können Ergänzungsmittel durchaus überdosiert werden. Während einige Vitamine, die zu viel zugeführt werden, vom Körper wieder ausgeschieden werden, können bestimmte Arten in hoher Dosierung stark gesundheitsschädigende Effekte haben. So können Vitamin A und D den gesamten Organismus schädigen, besonders die Stoffwechselorgane Leber und Niere werden über Gebühr belastet. Ein Mehr an Vitamin A führt unter Umständen zu Kopf- und Muskelschmerzen, Übelkeit, Haarausfall und bei Schwangeren zu Fehlbildungen des Fötus. Eine Überdosierung von Vitamin D hat ähnlich schwere Nebenwirkungen; Nierensteine oder Herz-Rhythmusstörungen sind die Folgen einer dauerhaften Mehrzufuhr. Eine dänische Metastudie kommt zu einem niederschmetternden Ergebnis. Nach der Auswertung verschiedener Untersuchungen an insgesamt 230.000 Probanden stand fest: Die Gruppe, die über einen längeren Zeitraum hinweg Nahrungsergänzungsmitteln vertraut hatte, verstarb öfter als die Gruppe, die ihre Vitaminzufuhr natürlich deckte.

Vitamintabletten klare Verlierer
In Studien zeigte sich immer wieder, dass die alleinige Aufnahme der benötigten Vitaminmenge über Nahrungsergänzungen nicht ausreicht, auf das tägliche Obst essen sollte also nicht verzichtet werden. Eine wichtige Rolle in der täglichen Ernährung spielen auch die sogenannten sekundären Pflanzenstoffe- diese sind in keiner Nahrungsergänzung, die auf dem Markt erhältlich ist, enthalten. Auch scheint in der Zwischenzeit bewiesen, das es nicht das Vitamin allein ist, das für die positiven Wirkungen im menschlichen Organismus verantwortlich ist. Vielmehr ist es so, dass die Kombination der enthaltenen Wirkstoffe ausschlaggebend ist. Da diese Zusammensetzung bei jeder Obst- und Gemüsesorte anders ist, lässt sich eine solche Variabilität nicht industriell erzeugen. Ein gutes Beispiel für eine solche Vitamin-Wunderwaffe ist Orangensaft. Das in den Orangen enthaltene Vitamin C ist effektiver als dasselbe Produkt in Form einer Tablette. Dies bestätigt auch ein Versuch im Reagenzglas. Anhand von Tumorzellen untersuchte man die oxidative Wirkung des Vitamins. Die Ergebnisse könnten nicht eindeutiger sein: Während synthetisch hergestelltes Vitamin C in isolierter Form keinerlei Auswirkungen auf die bösartigen Zellveränderungen hatte, war die Schale eines Apfels in der Lage, das Wachstum ebenjener Zellen zu hemmen.