Fallrückzieher, das für die Brasilianer typische Umspielen der Gegner oder auch ein technisch präzise ausgeführter Kopfball sind die optischen Leckerbissen eines jedes Fußballspiels. Wenn eine solche Fertigkeit dann auch noch zum Tor führt, ist der Jubel groß. Fußballfans lieben besonders diese technischen Finessen ihrer Spieler, die ein an sich unspektakuläres Regionalderby doch noch interessant gestalten können. Dem Kopfball kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Da mit den Händen nicht gespielt werden darf, wird der Ball bei Bedarf mit dem Kopf an den nächsten Spieler oder ins Tor befördert. Ein Profispieler hält im Laufe seiner Karriere im Schnitt etwa 1.000 Mal den Kopf hin, Stürmer sogar noch etwas häufiger. Das bleibt nicht immer ohne Folgen: Jeder zweite Spieler litt bereits mindestens einmal unter einer schweren Gehirnerschütterung. Es sind sogar Fälle bekannt geworden, in denen Spieler nach einem unglücklich auftreffenden Ball noch an Ort und Stelle verstorben sind.
Erschütterungen des Gehirns
Eine Gehirnerschütterung, auch „leichtes Schädel-Hirn-Trauma“ genannt, stellt einen kurzzeitigen Funktionsverlust einzelner Hirnareale dar. Zu Beschädigungen an der Hirnsubstanz kommt es hierbei aber nicht. Sind Verletzungen des Hirngewebes vorhanden, spricht man dementsprechend von einer Hirnblutung-, prellung oder -quetschung.
Normale Erschütterungen sind für das Gehirn gut verträglich, da es gut geschützt ist. Es liegt sanft eingebettet in einem Bad aus Gehirnwasser (Nervenwasser oder Liquor) zwischen den Schädelknochen, deshalb bekommt es alle Bewegungen des Körpers nur in abgeschwächter Form mit. Grundsätzlich hat das Gehirn auch die Fähigkeit, sich zu regenerieren. Bis zu einem gewissen Grad können sich verletzte Areale erholen. Im Rahmen der körpereigenen Reparatur entstehen neue Stammzellen, aus denen sich wiederum Neuronen (Gehirnnervenzellen) bilden.
Anzeichen einer Gehirnerschütterung
Wenn nun aber eine starke Kraft auf den Kopf einwirkt, etwa in Form eines Schlags, Sturzes oder Zusammenpralls, stößt das Gehirn an die harten Schädelknochen und wird zeitweilig in seiner Funktion eingeschränkt. Schwere Kopfverletzungen müssen nicht notwendigerweise aus dem Ballkontakt entstehen. Zusammenstöße mit anderen Spielern, dem Tor oder dem harten Rasen sind ebenfalls für Kopf- und Hirnverletzungen verantwortlich.
Eine Gehirnerschütterung äußert sich in vielfältiger Art und Weise. Zunächst tritt ein Schwindel auf, der von Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen begleitet wird. Später zeigen Betroffene Konzentrationsschwächen, neigen zu Gedächtnislücken (Amnesie) und Sprachstörungen und haben außerdem Schwierigkeiten, sich einfache Zahlenfolgen zu merken. Auch unterschiedlich große Pupillen sind ein offensichtliches Zeichen für eine Gehirnerschütterung. In vielen Fällen erfolgt sogar eine unmittelbare Bewusstlosigkeit nach der stumpfen Gewalteinwirkung auf den Schädel. Wenn diese längere Zeit anhält, ist umgehend ärztliche Hilfe anzufordern, da das Gehirn gravierende Schäden davon getragen haben kann. In den Niederlanden erleichtert seit 2005 ein verkürzter Test die Einschätzung der gesundheitlichen Lage. Wenn der Trainer oder andere Betreuer eine Beeinträchtigung feststellen, können sie mit einfachen Fragen herausfinden, ob das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Maßgebliche Technik – Kontaktzeit
Aber nicht jeder Kopfball ist gleich gefährlich für das Gehirn des Spielers. Man muss drei Faktoren berücksichtigen, wenn man die potenzielle Bedrohung ermessen möchte. Das erste entscheidende Kriterium ist die Kontaktzeit zwischen Kopf und Ball, eng damit verbunden ist die Beschleunigung des Balles, also die Kraft, mit der er den Kopf berührt. Die Kontaktzeit liegt durchschnittlich bei einer 15 Tausendstel Sekunde. Wenn der Ball auf den Spielerkopf trifft, wird dieser einer Kraft ausgesetzt, die dem 8- bis 20fachen der Erdbeschleunigung entspricht. Man hat bereits Geschwindigkeiten zwischen 96 und 193 Stundenkilometern gemessen, wenn Ball und Kopf aufeinander treffen. Je länger der Kontakt mit dem Kopf anhält, desto geringer ist die Beschleunigung. Bei einem schnellen Ball kann die auf den Kopf einwirkende Kraft schon einmal einer halben Tonne entsprechen. Auch die Härte des Balls hat entscheidenden Einfluss auf die Kontaktzeit. Je mehr der Ball mit Luft gefüllt ist, umso kürzer ist die Kontaktzeit. Im Umkehrschluss bedeutet ein nur wenig aufgepumpter Ball einen sanften Kontakt. Professionelle Fußballspieler bevorzugen aber einen harten Ball, da dieser weiter fliegt und sich exakter spielen lässt.
Kontaktfläche
Ein guter Spieler trifft den Ball immer mit der Vorderseite des Kopfes, der Stirn, denn hier ist der Schädel am stabilsten, da hier die Schädelknochen am stärksten ausgebildet sind. Bewusstes und gewolltes Köpfen mit diesem Areal direkt unter dem Haaransatz schadet dem Hirn nicht, so der amerikanische – auf Fußball spezialisierte – Sportmediziner Donald Kirkendall. Ein Treffer an der Schläfe hingegen ist extrem ungünstig. Ein solcher kann zu einer Ohnmacht führen, trifft ein Ball völlig unvorbereitet auf den Spieler ist sogar der Tod möglich.
Körperspannung
Das Ziel jeden Fußballtrainings ist nicht nur die Einübung der verschiedenen Techniken sondern auch die Schulung der Körperkondition. Betrachtet man nun das Verhalten bei einem Kopfball, wird man entscheidende Unterschiede zwischen einem Profi und einem Amateur feststellen können. Freizeitspieler tendieren dazu, dem Ball mit dem Kopf entgegen zu streben. Professionelle Spieler hingegen fixieren kurz vor dem Ballkontakt den Kopf und bauen Spannung im Nacken auf. So wird die Wucht des Balls auf den gesamten Körper verteilt.
Empfindliche Kinderköpfe
Kickende Kinder sollten laut einer Empfehlung des Deutschen Fußballbunds erst mit 13 Jahren beginnen, Kopfbälle zu spielen. Da ihre Schädelknochen noch nicht vollständig ausgebildet sind, ist auch das Gehirn noch nicht so gut vor Erschütterungen geschützt. Niederländische Trainer fordern gar, dass Kinder einen Kopfschutz tragen, etwa in Form eines Helms, um den empfindlichen Kopfbereich zu schonen. Doch eine derartige Vorsichtsmaßnahme ist in der Praxis schwerlich umzusetzen, denn ein Helm würde die Sicht und die Beweglichkeit des Spielers stark einschränken. Andere Vorschläge scheitern an finanziellen Hürden. So fordern verschiedene Neurologen, dass nach einem Zwischenfall, beispielsweise einem Zusammenstoß zweier Kinder oder einem schweren Sturz, das Kind einem magnetresonanztherapeutischen Verfahren (MRT) unterzogen wird, um etwaige Gehirnschwellungen oder Blutungen ausschließen zu können.
Kinder nach einer Gehirnerschütterung eingeschränkt
Einer aktuellen amerikanischen Studie der National Academy of Sciences (NAS) zufolge wären solche Maßnahmen bitter nötig, denn etwa 40 Prozent aller kickenden Jugendlichen haben sich bereits einmal in ihrem Leben eine Gehirnerschütterung zugezogen. Dies führt in einigen Fällen zu Entwicklungsstörungen oder der verlangsamten Ausbildung kognitiver Fähigkeiten. Das Vermögen, analytisch vorzugehen oder das bildliche Vorstellungsvermögen sind bei Fußball spielenden Kindern und Jugendlichen weniger stark ausgeprägt als bei Gleichaltrigen. Selbst 30 Tage nach einem Vorfall sind noch deutliche Einschränkungen bemerkbar. Das Gedächtnis, aber auch die Fähigkeit zur Problemlösung sind weniger stark verfügbar. Bei dem viel gewalttätigeren American Football sind diese Folgen jedoch nicht in dem Ausmaß zu beobachten. Gehirnerschütterungen werden nur in den seltensten Fällen richtig diagnostiziert, dabei treten auch bei Kindern deutliche Symptome auf, die eine Beeinträchtigung der Gehirnfunktionen klar erkennen lassen. Betroffene Kinder leiden beispielsweise an Desorientierung, einem Zustand der Verwirrung und einem leicht konfusen Gesichtsausdruck. Zudem wird eine Gehirnerschütterung von den Kindern selbst häufig unterschätzt, offensichtlichen Verletzungen, etwa der Extremitäten wird sowohl von den Spielern selbst aber auch von den Eltern und Trainern mehr Bedeutung beigemessen.
Langzeitauswirkungen vom Köpfen
Wie sieht es nun aber wirklich mit der Hirnleistung von Fußballspielern aus? Verschiedene Forschergruppen haben sich intensiv mit dem Zusammenhang Kopfballspiel und Hirnleistung beschäftigt. In neurologischen Standardverfahren und neuropsychologischen Tests fand man heraus, dass eine lange Fußballerkarriere- auch langfristige- Auswirkungen auf das Gehirnpotenzial hatte. Umso länger eine Laufbahn anhielt, desto schlechter war es auch mit den grauen Zellen bestellt. Die Sportler selbst berichteten von zahlreichen Ausfällen nach einem Wettkampf. Von Benommenheit über Kopfschmerzen, Erbrechen und Schwindel, war das Spektrum der unmittelbaren Folgen sehr breit gefächert. Die Auswirkungen verschwanden aber nicht immer wieder, sondern zeigten sich in Form von Hörschwierigkeiten, Reizbarkeit oder Schlaflosigkeit noch Monate oder Jahre nach einem Spiel. Aber auch die kognitiven Leistungen wurden durch vermehrte Kopfball-Einsätze deutlich gemindert. Je höher die Anzahl der Kopfbälle, umso niedriger war auch die Hirnleistung nach dem Spiel. Eine Untersuchung an 50 niederländischen Amateursportlern zeigte, dass Fußballer in den Tests schlechtere Ergebnisse ablieferten, als etwa Schwimmer oder Leichtathleten. Die Sportler mussten komplexe Figuren nachzeichnen, Bilder ergänzen oder Gedächtnisübungen absolvieren. Sportmediziner und Neurologen gehen davon aus, dass chronische Hirnschäden drohen, wenn die kritische Anzahl von 1.000 Kopfbällen überschritten wird.
Gehirnerschütterung keine anerkannte Sportverletzung
Hobby-Fußballer müssen sich vor eventuellen Hirnschädigungen durch Kopfbälle nicht fürchten. Besonders mithilfe der richtigen Technik können Gehirnerschütterungen oder schlimmere Auswirkungen leicht vermieden werden. Professionelle Kicker werden wohl mit dem Risiko bleibender Schäden rechnen müssen, denn ein sorgsamer Umgang mit den Spielerköpfen fehlt bislang völlig. Während der Funktionalität des Körpers sehr viel Aufmerksamkeit gezollt wird, scheint der Kopf weniger wichtig zu sein. Um die Folgen für die Spieler weniger dramatisch zu gestalten, müsste sich der Umgang mit Sportverletzungen entsprechend ändern. So sollte ein Spieler bereits bei ersten Anzeichen für ein Hirn-Trauma vom Feld gehen (dürfen), um sich neurologischen Tests zu unterziehen. Nur auf diese Weise können dauerhafte Beeinträchtigen ausgeschlossen werden.