Leben ohne Kopf?

Ein Leben ohne Kopf ist für den Menschen nicht möglich, oder doch?


Unser Gehirn gehört zu den komplexesten Strukturen, welche die Natur hervorgebracht hat. Vollständig erforscht ist es noch nicht, nur Grundlegendes weiß man zu berichten. Auch die universellen Fragen sind noch ungeklärt. Wo sitzt das Bewusstsein, unsere Seele? Oder, was passiert mit uns, wenn wir sterben? Erklärungsversuche sind häufig von spiritueller Überzeugungskraft durchwirkt, nicht selten mit religiösen Heilsbotschaften verbunden. Wissenschaftliche Beweise für die wichtigsten aller menschlichen Fragen fehlen aber fast völlig. In diesem Zusammenhang verwundert es auch nicht, dass der Kopf oder vielmehr das darin befindliche Gehirn immer wieder zum Ziel wilder, völlig unwissenschaftlicher Spekulationen wird. Das Gehirn ist im allgemeinen Verständnis der Sitz des menschlichen Bewusstseins, der Seele – dem Teil von uns, der uns ausmacht. Unsere Persönlichkeit muss irgendwo in den Windungen dieser undefinierbaren grauen Masse verborgen sein. Und so stellt sich vielen Menschen die dringliche Frage, ob ein Leben ohne Kopf möglich ist.

Der Störtebeker-Mythos
Der Mythos geht zurück auf den hanseatischen Seefahrer Klaus Störtebeker, der in der Lage gewesen sein soll, sich nach seiner Enthauptung noch minutenlang zielgerichtet ohne seinen Kopf fortzubewegen. Die Hintergründe sind schnell erzählt: Als Pirat bereiste er die Weltmeere und beraubte andere Schiffe – vor allem die der Handelsorganisation der Hanse – ihrer kostbaren Beute. Im Jahr 1401 schließlich wurde Störtebeker von der Hamburger Flotte festgesetzt und verhaftet. Das Urteil war zügig gefällt: Tod durch Enthauptung. Kurz vor seiner Hinrichtung versuchte der Pirat seinen Gefängniswärtern einen letzten Gefallen abzuringen. Störtebeker wurde schließlich zugesichert, dass diejenigen Kameraden vor dem Tod verschont würden, an denen er nach seiner Enthauptung noch vorbeigehe könnte. Der Moment rückte näher, der Henker, der für seine verantwortungsvolle Aufgabe 12 DM erhielt, tat seine Arbeit und Störtebeker gelang es, an einem halben Dutzend seiner Freunde vorbeizugehen, bevor ihn das Bein des Henkers stoppte. Andere Quellen berichten, dass es ein hastig dahin geworfener Richtblock gewesen ist, der Störtebeker in seiner Lebensrettungsmission aufhielt. Der Bürgermeister von Hamburg, ein gewisser Kersten Miles, aber war ein Mann, der nicht zu seinem Wort stand. Nach dem Tod Störtebekers ließ er alle 73 Piraten, die gemeinsam mit dem Verblichenen zur See gefahren waren hinrichten. Anschließend wurden die Köpfe aufgespießt, um die ganze Grausamkeit der Strafe zu demonstrieren.

Das Prinzip der Enthauptung
Viele Quellen sagen, dass Störtebeker vor allem eines war: clever. Denn die in der Vergangenheit äußerst beliebte Methode der Enthauptung stellte nicht nur den Henker vor arge Probleme. Nur mit einem präzise ausgeführten Schlag wird der Kopf auch sofort vom Rest des Körpers getrennt. Doch diese Technik auch zu beherrschen, war längst nicht selbstverständlich. So mussten einige Verurteilte gar begnadigt werden, wenn zahlreiche Versuche, den Verurteilten zu enthaupten, nicht zum Erfolg geführt haben. Denn mit jeder Hinrichtung wurde das Beil stumpfer, das Sterben zunehmend qualvoll.

Eigenleben des Kopfes
Eng verbunden mit der Vorstellung des kopflos herumirrenden Körpers ist das Überleben des abgetrennten Kopfes. Viele der Berichte stehen im Zusammenhang mit der Französischen Revolution. Hier, in der Hochzeit der Guillotine, häufen sich die Berichte scheinbar lebender Köpfe, die selbst nachdem sie vom Körper getrennt waren, noch einfacher Dinge fähig waren. Sogar Ärzte erzählen von seltsamen letzten Bewegungen abgetrennter Köpfe. So sollen Köpfe versucht haben zu sprechen, auch, wenn man diese zum Licht drehte, zeigten sich deutliche Reaktionen.
Eine dieser Geschichten beruht auf einem der Führer der Revolution Jean Marat. Eine Frau, die diesen ermordet hatte, wurde mit der Guillotine hingerichtet. Um den Mob, der Marat geliebt hatte, eine letzte Befriedigung zu verschaffen, hob der Henker den abgetrennten Kopf auf und ohrfeigte die Wangen. Viele Augenzeugen dieser Szene anschließend einhellig, dass sich die Augen zu dem Henker gedreht hätten und einen Ausdruck der Wut und Entrüstung angenommen hätten.

Gehirn ohne Körper: Leben ohne Kopf?
Das Gehirn hat Ärzten zufolge nach dem Aussetzen des Herzschlags noch eine Überlebenszeit von etwa sieben Sekunden. Dies ist möglich durch den im Kopf gespeicherten Sauerstoff, der die Hirnzellen noch versorgen kann. Aber selbst, wenn das Gehirn weiter lebt, setzt nach der Enthauptung fast augenblicklich der Zustand des Komas ein. Es sind zwar Fälle bekannt, in denen Patienten nach einem Herzstillstand noch bis zu einer Minute bei Bewusstsein und ansprechbar waren, die Regel ist es aber nicht. Denn das Abtrennen des Kopfes geht mit einem massiven Blutverlust einher. Das Hirngewebe wird nicht mehr mit Nährstoffen versorgt und stirbt ab. Durch die Enthauptung kommt es zu einer Unterbrechung der Blutversorgung. Folglich setzt ein Schock ein, die Atmung setzt aus. Der Tod setzt in der Regel sofort ein, wenn der Kopf, beziehungsweise das Gehirn, vom Rückenmark getrennt wird. Nach spätestens acht Minuten aber, ist auch der hartnäckigste Mensch garantiert tot. Es gibt aber auch andere wissenschaftliche Meinungen. Der Neurologe Professor Kornhuber beispielsweise ist der Meinung, dass der abgetrennte Schädel durchaus noch zu bewussten Reaktionen fähig ist. Ihm zufolge, tritt der Hirntod nicht von einer Sekunde auf die andere ein. Erst nach einem Zeitraum, der bis zu einer Minute andauern kann, könne der endgültige Tod festgestellt werden. Obwohl durch die Durchtrennung des Rückenmarks zwar der Tastsinn und die Motorik nicht mehr funktionieren, können viele Hirnareale weiterhin fehlerlos ihre Aufgaben nachkommen, so zum Beispiel die Augen- und Hörnerven

Warum wir unseren Kopf brauchen
Auch das Überleben des Körpers ohne Kopf ist wenig wahrscheinlich. Aus medizinischer Sicht wäre Störtebeker nicht mehr in der Lage gewesen, selbst einfache Bewegungen auszuführen, da die Blut- und Sauerstoffversorgung nicht mehr gewährleistet war. Bei einer Enthauptung werden die großen Schlagadern am Hals durchtrennt, rapider Blutverlust setzt ein. Da alle Bewegungen vom Gehirn gesteuert werden, ist jeder Versuch einer zielgerichteten Regung zum Scheitern verurteilt. Auch die Atmung – die Versorgung des Körpers mit Sauerstoff – die ja bekanntlich über Nase und Mund ausgeführt wird, ist nicht mehr möglich. Die Ernährung, mittels der die einzelnen Zellen mit Nährstoffen versorgt werden, endet.

Wilde Hühner
Das Phänomen, dass man auch kopflos noch bewegungsfähig ist, kennt man auch aus dem Tierreich. Hühner und anderes Federvieh wird geschlachtet, indem man ihnen in einer einzigen schnellen Bewegung den Kopf abtrennt. Bauernhof Besitzer berichten immer wieder, dass die Tiere nach der Enthauptung noch Stunden lang orientierungslos herumgeirrt sind und wild mit den Flügeln geschlagen haben.
Auch bei Menschen kann man solche Muskelkontraktionen ab und zu beobachten. Wenn Menschen gestorben sind, sorgen Reste von Sauerstoff in den Zellen für diese unkontrollierten Bewegungen. Mit bewusstem Leben haben diese Erscheinungen aber nichts gemein.

 

Alter Kopf- junger Körper?
Der Neurochirurg Robert White verfolgt ein wahnwitziges Ziel: er möchte die erste Kopftransplantation weltweit durchführen. Der Brite plant, die Köpfe alter Menschen auf die Körper junger Unfallopfer zu übertragen, um das Weiterleben der Alten zu sichern. Auch gelähmten Menschen soll so geholfen werden. Erste Versuche mit Affen waren zwar erfolgreich, aber eine menschliche Ganzkörpertransplantation- wie White den Eingriff nennt- ist aus heutiger medizinischer Sicht unmöglich. Patienten könnten nach einem solchen Eingriff weder sprechen noch gehen, weil es bislang undurchführbar ist, die zahlreichen Verbindungen zwischen Körper und Kopf einfach wieder zusammenzunähen. Neben den zahlreichen ethischen Bedenken muss er auch über die Frage nachdenken, wie man den kurzen Moment überbrücken kann, indem der Kopf den einen Körper verlässt, den Zielkörper aber noch nicht erreicht hat.

Kopflose Kakerlake
In vielerlei Hinsicht ist der Mensch anderen Spezies überlegen, dennoch haben Tiere Vorteile, die der Mensch nicht besitzt. Eines dieser Dinge, ist die Fähigkeit auch ohne Kopf zu überleben. Die Kakerlake, die selbst einen atomaren Kahlschlag unbeschadet überstehen würde, stellte schon so manchen Wissenschaftler vor Rätsel. Dieses Insekt, dessen Anblick in vielen Menschen Widerwille und Ekel auslöst, ist ein wahrer Überlebenskünstler. Wie andere Insekten auch, besitzt es die erstaunliche Fähigkeit, tagelang ohne Kopf überleben zu können. Bei näherer Betrachtung ist diese Tatsache aber gar nicht so verwunderlich, denn, anders als bei Menschen ist das Gehirn bei Insekten nicht das zentrale Schaltorgan. Kakerlaken atmen durch Tracheen, die in jedem Körpersegment vorhanden sind. Durch diese Kanalröhre gelangt der Sauerstoff zu jeder Körperzelle. Das Gehirn hat keinerlei Einfluss auf die Atmung. Auch haben Kakerlaken keinen Blutdruck, sodass das Abtrennen des Kopfteils nicht zu unkontrollierten Blutungen führen würde. Darüber hinaus sind die Schädlinge wechselwarme Tiere. Daher benötigt es nur sehr wenig Nahrung, vorausgesetzt, die Aktivität ist an den Nährstoffverbrauch angepasst.