Lifestylekrankheit Hikikomori: Aus Angst zum Stubenhocker

Wenn junge Leute aus Angst vor Ihrer Umwelt nicht mehr ihren Raum verlassen, spricht man von Hikikomori.


Der vollkommene Rückzug – das bedeutet Hikikomori. Wie der Name vermuten lässt, stammt das Phänomen aus Japan und betrifft dort vor allem junge Menschen. Diese haben kein Interesse am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und verschanzen sich daher in ihren Zimmern. Übersetzt bedeutet Hikikomori, „sich einschließen“ oder „gesellschaftlicher Rückzug“. Geprägt wurde der Begriff von Saito Tamaki.

Wer ist betroffen?
Schätzungen zufolge sind in Asien etwa 500.000 bis eine Million Menschen betroffen, Letzteres würde einem Prozent der Bevölkerung entsprechen. Vor allem junge Erwachsene leiden unter Hikikomori, das Durchschnittsalter liegt bei 27 Jahren. Nur etwa ein Drittel der Betroffenen ist über 30. Es ist ein männliches Problem: Schätzungsweise 80 Prozent der Betroffenen sind Männer.
Die möglichen Gründe sind vielfältig: Angst vor den hohen Erwartungen anderer, das harte japanische Schulsystem mit vielen Prüfungen, sodass man sogar von der „Prüfungshölle“ (shiken jigoku) spricht. Der daraus resultierende Druck, möglicherweise kombiniert mit Mobbing führt zu Versagensangst, die wiederum zu Schuleschwänzen führt.

Symptome
Ab einem halben Jahr zurückgezogenem Leben spricht man von Hikikomori. Die Betroffenen ziehen sich nicht nur aus der Gesellschaft, sondern auch aus der Familie zurück, der Kontakt wird soweit es geht reduziert. Dieser Rückzug läuft nicht von jetzt auf gleich ab, meist geschieht das über Jahre. Irgendwann ist es für die Hikikomori normal, sich 23 Stunden im Zimmer aufzuhalten. Oft sind die Betroffenen nachtaktiv und sitzen den ganzen Tag vor dem Computer oder dem Fernseher.

Was begünstigt Hikikomori?
Es gibt viele Erkärungsversuche, doch was genau das Hikikomori auslöst, ist bis heute unklar.
Manchen geben der Familiensituation die Schuld. In Japan gibt es meist eine sehr ausgeprägte Mutter-Kind-Beziehung, man spricht von der amae. Das Bemuttern der Kinder auch im hohen Alter ist ganz normal, Eltern erwarten selbst von erwachsenen Kindern meist keinen schnellen Einstieg in die Berufswelt. Auch wie gut gestellt eine Familie ist, hat Einfluss. Wohlhabendere Familien der Mittelschicht können ohne große Probleme auch ihr erwachsenes Kind mitversorgen. Die verschärften Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt könnten ebenfalls eine Erklärung sein. Für junge Leute ist es immer schwieriger, eine feste Anstellung zu finden.

Was kann man tun?
Die Nido-Therapie wurde entwickelt, um dem Umfeld Hilfestellung zu geben, den Hikikomori aus seiner Isolation zu befreien. So soll die Beziehung zwischen dem Betroffenen und der Familie wieder normalisiert werden, die Spannungen werden kanalisiert.
Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich das Hikikomori-Syndrom bald nach Europa ausbreiten wird. Momentan gibt es bereits Fälle in Japan, Südkorea und Taiwan.