Macht Liebe blind?

Wer kennt es nicht, dieses Gefühl, nach dem Ende einer Beziehung aufzuwachen wie aus einem bösen Traum? Dass es sie gibt, die rosarote Brille, hat wohl jeder schon einmal am eigenen Leib erfahren. Doch kaum einer weiß mehr über dieses Phänomen. Die Forschung sagt: Evolutionsbiologische Ursachen stecken dahinter.


Verliebte kennen das Gefühl: Man ist euphorisch, rundum zufrieden, das Glück strömt förmlich aus allen Körperporen. Die Welt erscheint plötzlich wie eine riesige rosafarbene Wolke, die einen zärtlich auffängt. Ein Blick in die Augen des Schatzes genügt, um eine neuerliche Glückswelle auszulösen. Verliebte sind nur mit sich beschäftigt, die Probleme des Alltags verblassen, vormals Wichtiges - etwa die Arbeit oder die Schule - wird nebensächlich. Auch Objektivität wird ihnen oft abgesprochen, der neue Partner wird gnadenlos idealisiert, jegliche Kritik sofort abgewiesen. Er hat die schönsten Augen, den tollsten Humor - und dieser durchtrainierte Körper. Frisch Verliebte zeigen Symptome einer Krankheit - rasendes Herz, heiße Stirn - nur krank fühlen sie sich nicht. Ganz im Gegenteil: Der Liebesvirus hat ausschließlich positive Nebenwirkungen.

Gehirn auf Drogen

  • "Liebe macht blind“ heißt nichts anderes, als dass Verliebte den Blick für die Realität verlieren, negative Eigenschaften des anderen nicht wahrnehmen oder wohlwollend ignorieren. Romantische Gefühle sorgen also dafür, dass der Verstand aussetzt. Aber nicht nur die romantische Liebe ist uns bekannt, auch die emotionale Bindung zwischen Geschwistern oder Mutter und Kind sind Formen der magnetischen Anziehung von Menschen.
  • Was sagt die Wissenschaft? Macht Liebe blind? Die Forscher des University College London sagen Ja. Andreas Bartels, ein Schweizer Neurobiologe, und sein Kollege Semir Zeki vom Londoner Universitätscollege machten den Test, mithilfe einer speziellen Technik - fMRI, eine besondere Art der Computertomografie - untersuchten sie die Gehirnaktivitäten frisch Verliebter. Den Partnern wurden Fotos des jeweils anderen vorgelegt. Auch Mütter bekamen Schnappschüsse ihrer Kinder gezeigt. Das eindeutige Ergebnis: bei allen Testpersonen leuchteten dieselben Gehirnareale auf. Nämlich genau die, die auch auf berauschende Drogen wie Kokain ansprechen. Gleichzeitig waren Bereiche, die für negative Gefühle zuständig sind, ausgeschaltet. Kritische Beurteilungen sind also rein biologisch gar nicht möglich. 

Hormone des Glücks

  • Miranda Lim und ihre Kollegen von der Emory University Atlanta wollten ganz genau wissen, wie Liebe im Kopf entsteht. Sie untersuchten zwei verschiedene Wühlmausarten und fanden erstaunliche Ähnlichkeiten zum Menschen. Während die Männchen der Wiesenwühlmaus häufig wechselnde Weibchen hatten, blieben die Präriewühlmäuse ein Leben lang einem einzigen Partner treu ergeben. Im Gehirn der Nager fanden die Wissenschaftler die Substanz. Diese Neuro-Droge wirkt auch beim Menschen. Bei tiefen Gefühlen werden diese Botenstoffe (unter ihnen auch Oxytocin) freigesetzt.
  • Hauptverantwortung bei allen positiven Empfindungen trägt das menschliche Liebes- oder Belohnungszentrum, auch Nucleus Accumbens genannt. Ähnlich den Gefühlen bei Drogenkonsum oder starker sexueller Erregung wird dieses Areal auch bei Liebe aktiviert. Auch Rehe bleiben von den Einflüssen der berauschenden Körperdrogen nicht verschont. In der Paarungszeit sind es vor allem die Männchen, die kopflos umherirren. Studien ergaben, dass tödliche Begegnungen mit Autos besonders häufig in diese Zeit fallen. 

Warum werden wir blind?

  • Eine Erklärung für das Liebes-Phänomen lieferten die Forscher gleich mit: Es scheint ein evolutionäres Überbleibsel zu sein. Indem man den Partner gänzlich unkritisch einschätzt, ist es möglich, sich schnell fortzupflanzen.
  • So sehr wir uns auch bemühen, unser Leben bewusst zu steuern - manchmal sind wir eben einfach doch Opfer unserer Hormone. In diesem Fall mag das auch gar nicht so verkehrt sein, denn wer möchte schon einen Blick in die Zukunft wagen? Fußnägel im Bett, Socken auf dem Boden, Streit um den Abwasch und ähnlich banale Probleme des Beziehungsalltags. Die rosarote Brille erlaubt es uns, für eine Weile in einer schönen Illusion zu schweben.