Niesen bringt da Herz aus dem Rhytmus

Kann durch ein kräftiges Niesen wirklich der Herzschlag aussetzen?


In Deutschland gehört es zum guten Ton, dass man einer Person, die geniest hat, „Gesundheit“ wünscht. Bereits seit dem 19. Jahrhundert ist diese Formel in verschiedenen Schriftstücken belegt. Vorher wünschte man sich „Gott helfe.“ In anderen Ländern existieren ganz ähnliche Formeln. Neuere Bestrebungen, unter anderem vertreten in dem Benimm-Standardwerk Knigge, gehen sogar dahin, dass der Niesende nicht mehr in den Genuss wohl meinender Gesundungsphrasen kommt, sondern sich für einen geräuschvollen Nieser seinerseits entschuldigen muss.

Warum niesen wir?
Der Niesreflex ist nur einer von vielen Körperfunktionen, die ohne unser Zutun selbstständig ablaufen. Gesteuert vom vegetativen Nervenzentrum – dem Rückenmark – wird er immer dann ausgelöst, wenn die Nase von etwaigen Fremdkörpern, beispielsweise Pollen, Staubpartikel, Viren oder puderige Substanzen, in manchen Fällen auch das Sonnenlicht (photischer Niesreflex) gereinigt werden muss. Der genaue Ablauf ist bisher noch nicht eindeutig aufgeklärt. Man geht davon aus, dass sich der Prozess in drei aufeinander folgenden Phasen abspielt. Zunächst wird tief eingeatmet, anschließend wird die Luft angehalten. Nun ziehen sich die Ausatmungsmuskeln des Bauches und der Brust schlagartig zusammen. Dabei wird die zuvor eingeatmete Luft durch den Mund oder die Nase explosionsartig wieder ausgestoßen. Eine erweiternde These nimmt an, dass der Rachenraum verschlossen wird, anschließend hebt sich das Gaumensegel an und verschließt die Verbindung zwischen Nase und Rachenraum.

Unabhängiger Herzschlag
Das menschliche Herz schlägt aufgrund eines kleinen Teils, der sich Sinuatrialer Knoten nennt, er fungiert als Taktgeber. Mithilfe eines elektrischen Impulses wird der Herzmuskel dazu gebracht, ungefähr jede Sekunde einmal zu schlagen. Der Niesreflex ist ein komplexes kardivaskuläres Ereignis. Während des Vorgangs wird der Druck im Brustkorb verändert, sodass man das Gefühl hat, das Herz würde aussetzen oder unregelmäßig schlagen. Kurz vor dem Nieser wird die Luft eingeatmet, infolgedessen nimmt der Druck zu, wenn man nun diese Luft explosionsartig wieder ausstößt, vermindert sich dieser. Dieser Druckausgleich wird auch als Valsalva Manöver bezeichnet. Der veränderte, nun positive, Druck sorgt dafür, dass der Blutfluss und der Herzschlag verändert ist.
Da der Niesreflex auf einer Aktivierung des vegetativen Nervensystems beruht, wird das Herz angeregt. Die Frequenz oder die Intensität des Herzschlags können sich verändern. Es ist durchaus möglich, dass diese kurzeitige Anhäufung dieser Faktoren das Herz veranlassen können, einen Herzschlag zu überspringen. Dies erleben die Betroffenen als Flattern oder Stolpern, oft geht diese Unregelmäßigkeit auch mit einem großen Angstgefühl einher. In seltenen Fällen kommt es auch vor, dass der normale Rhythmus außer Takt gerät oder dass eine Herzklappe der anderen ein Herzschlag voraus ist. Man erlebt einen außerplanmäßigen Herzschlag. Nach einem Nieser muss man nur auf den nächsten elektrischen Impuls warten, erfolgt dieser, wird sich der Herzschlag normalisieren. Der Niesreflex ist also durchaus in der Lage, den Rhythmus der Herzschläge zu verändern, die elektrischen Impulse, die vom Sinuatrialen Knoten ausgehen, kann er aber nicht beeinflussen.

Kurzzeitig blind
Ein weiterer, mit dem Niesen in Verbindung stehender Mythos besagt, dass man die Augen nicht offen halten könnte, während man dem Reinigungsreflex unterworfen ist. Anders als der erste Niesmythos entspricht diese Aussage durchaus den Tatsachen. Es ist biologisch unmöglich, während des Niesens die Augen offen zu halten. Es scheint so zu sein, als gehörten der Nies- und der Augenschließreflex unmittelbar zusammen. Zwei Theorien bieten eine Erklärung für dieses Phänomen. Zum einen soll auch das Augenschließen eine Schutzfunktion übernehmen. Da die durch das Niesen herausgeschleuderten Bakterien und Fremdpartikel nicht über die Augen erneut in den Organismus gelangen sollen, schließt man automatisch die Augen. Eine andere Hypothese geht von einer ähnlichen Aufgabe aus. Der Tränenkanal ist eng mit dem unteren Nasenkanal verbunden. Das Schließen der Augenlider und die Anspannung der Muskulatur rund um die Augen herum wirken dem Druck entgegen, der beim Niesen entsteht. Um das Auge nicht zu schädigen, werden sie geschlossen.

Unfallgefahr durch Niesanfälle
Besonders für Auto- und Radfahrer stellt diese Verknüpfung zweier Reflexe eine besondere Gefahr dar. Da die Augen für den Bruchteil einer Sekunde geschlossen sind, ist der Fahrer praktisch blind unterwegs. Folglich bleiben für einen kurzen Moment die Straße beziehungsweise der Verkehr unbeobachtet. Die Unfallgefahr steigt dramatisch an. Allergiker beispielsweise sollen ein 30 Prozent höheres Unfallrisiko haben als nicht durch Pollen geplagte Menschen.