Pheromone: Ist Schweißgeruch bei Männern wirklich sexy?

Pheromone: Ist Schweißgeruch bei Männern wirklich sexy?


Nach einem hart umkämpften Fußballspiel können Beobachter ein interessantes Ritual verfolgen. Verschwitzte Männer entledigen sich ihrer durchnässten Trikots und übergeben es einem gegnerischen Spieler. Die meisten weiblichen Betrachter sind abgestoßen und gleichzeitig fasziniert von dem Gedanken, dass der Spieler in ein paar Sekunden in dem Körperschweiß eines anderen badet. Doch, wenn man ganz ehrlich ist, kann man auch noch eine andere Empfindung spüren, es ist so eine Art Verzückung angesichts der überaus männlichen Eigenschaft, die eigene Duftnote bewusst einzusetzen.

Könnten die weiblichen Fans den Schweiß der Spieler tatsächlich riechen, würde man noch andere Auswirkungen beobachten: leicht gerötetes Gesicht, geöffneter Mund, schneller Puls und eine erhöhte Hautspannung – alles eindeutige Signale, die ein eindeutiges Interesse am anderen Geschlecht anzeigen.

Verlockende Natur
Vor allem aus dem Tierreich kennt man die Wirkung bestimmter chemischer Substanzen. Der Wissenschaftler kennt sie als Lockstoffe, oder auch Pheromone. Bei Tieren aller Art fungieren diese Duftstoffe als eine Art Kommunikationsmedium, mit denen Tiere auf biochemischer Ebene interagieren. Diese, in Form von Fettsäuren oder Steroiden abgesonderten Stoffe, übernehmen eine Reihe unterschiedlicher Aufgaben. Sie steuern das Sozial- und Fortpflanzungsverhalten, dienen unter anderem als Erkennungszeichen, Alarmsignal oder schlicht als Markierung. Zwei aufeinander treffende Mäuse beispielsweise können erkennen, wer das andere Tier ist, aus welcher Familie es stammt oder welchen Status innerhalb der Kolonie es einnimmt. Aber Pheromone verfolgen hauptsächlich einen grundlegenden Zweck: sie sind eine Art Werbung für die eigenen Gene und die Bereitschaft, sich mit dem anderen fortzupflanzen. Möchte sich beispielsweise ein Seeigel fortpflanzen, verströmt er Pheromone in das ihn umgebende Wasser. Dadurch wird eine unmissverständliche (chemische) Botschaft gesendet. Daraufhin sind alle Seeigel derselben Kolonie veranlasst, ihre Geschlechtszellen (Ei- und Samenzellen) simultan an das Wasser abzugeben. Die Fortpflanzung ist erfolgreich in Gang gesetzt worden. Bei Tieren bildet sich die Fähigkeit, diese Lockstoffe wahrzunehmen, sehr viel langsamer aus, als der normale Geruchssinn, erst mit der Geschlechtsreife ist er vollständig ausgebildet.

Die menschliche Duftnote
Auch Menschen verfügen über einen individuellen Körpergeruch. Dieser manifestiert sich vor allem am Haaransatz, den Geschlechtsorganen, um die Nase herum und unter den Achseln. Hier befinden sich hohe Konzentrationen bestimmter Drüsen – der apokrinen Drüsen – die ständig ein stark öliges Sekret absondern. In den diversen menschlichen Körperflüssigkeiten kommen die gebildeten Sekrete besonders zum Tragen, allem voran der Schweiß. Verantwortlich für die persönliche Duftnote sind die Gene des sogenannten MHC- Komplexes (zu dt. Haupthistokompatibilitätskomplex) Diese genetischen Marker prägen auch das menschliche Immunsystem mit. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass Frauen einen Partner bevorzugen, deren MHC-Muster von dem eigenen abweicht. Somit wären eventuelle Nachkommen optimal vor schädlichen Krankheitserregern geschützt.
Frauen und Männer produzieren ganz eigene Duftnoten. Bei Männern ist es vor allem die Substanz Androstadienon, die eine wichtige Rolle spielt. Dieses bildet sich als Abbauprodukt des Geschlechtshormons Testosteron. Bei Frauen sind es die sogenannten Kopuline, die im Zusammenspiel der Geschlechter wichtige Aufgaben übernehmen. Die Konzentration der Duftstoffe – die vor allem im Vaginalsekret zu finden sind – ist stark vom weiblichen Zyklus abhängig, so liegen die Lockstoffe in den fruchtbaren Tagen in sehr viel höherer Menge vor, als an den anderen Tagen. Verhütungsmittel, die gezielt Hormone an den weiblichen Körper abgeben, sorgen gleichzeitig dafür, dass weniger Pheromone gebildet werden.

Abgabe und Aufnahme der Pheromone
Lange Zeit waren sich Wissenschaftler unsicher, wie Pheromone wahrgenommen werden. Heute ist man sich sicher, dass jeder Mensch über ein spezielles Organ – das sogenannte Vomeronasale Organ (VNO) – auch das Jacobson-Organ genannt, verfügt. Es ist ein kleines Areal in der Nasenscheidewand, das vom Geruchssinn abgegrenzt ist und über spezielle Rezeptoren verfügt. Diese spezialisierten Zellen liegen auf der Oberfläche der Nasen-Nervenzellen. Wenn nun Pheromone abgegeben werden, binden sie sich an diese Sinneszellen und lösen ein chemisches Signal aus. Dieses wiederum wird über das eigentliche Riechorgan hinweg an das Gehirn weitergeleitet, hier vor allem an das Limbische System, das der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten dient. Vornehmlich die Amygdala und der Hypothalamus- werden durch die Lockstoffe angesprochen. Obwohl die Duftstoffe von der Nase nicht immer sinnlich wahrnehmbar sind, entfalten sie doch ihr ganzes Wirkungsspektrum.

Pheromone bei der Partnerwahl
In der Vergangenheit ging man davon aus, das das VNO ein verkümmertes, funktionsloses Organ ist, ein Rudiment aus der evolutionären Entwicklung des Menschen. Doch inzwischen weiß man, dass es eine wichtige Aufgabe bei der Partnerwahl spielt. Die Wirkungen der Duftstoffe auf das jeweils andere Geschlecht können immer wieder wissenschaftlich nachgewiesen werden, obwohl sich die Forscher auch sicher sind, dass die Anzahl der Pheromon-Rezeptoren beim Menschen im Laufe der Evolution stark abgenommen hat. Anderen Sinnen kam im Zuge der Entwicklung des Menschen eine immer größere Rolle zu. Zu diesen gehört beispielsweise die Fähigkeit des Farbsehens. Vor allem bei größeren Distanzen hat sich diese Methode der Partnerwahl als wirkungsvoller erwiesen als das „Erschnüffeln“. Die Wahrnehmung der chemischen Botenstoffe wurde zunehmend in den Hintergrund gedrängt. Heute verfügen die meisten Menschen nur noch über eine stark eingeschränkte Fähigkeit, Pheromone wahrzunehmen. Nur auf einer unbewussten Ebene findet eine Kommunikation noch statt. Ersichtlich wird das an dem noch heute gebräuchlichen Sprichwort „Jemanden (nicht) riechen können“.

Durchschnittstyp wird zum Superman
Seitdem Martha McClintock den eindrucksvollen Nachweis erbracht hat, dass Pheromone unter anderem dafür verantwortlich sind, dass Frauen ihren Menstruationszyklus aufeinander abstimmen, haben sich viele Wissenschaftler der Erforschung menschlicher Lockstoffe verschrieben. Vor allem Frauen wurden zu aktiven Testobjekten. An ihnen wollen die Forscher den Einfluss des männlichen Pheromons Androstadienon untersuchen. Hierzu werden die Probandinnen nasal der Androgen-ähnlichen Substanz ausgesetzt, um ihre physiologischen und psychologischen Reaktionen aufzunehmen. Auch eine Studie amerikanischer Wissenschaftler der Berkeley Universität in Kalifornien, geleitet von Claire Wyart konnte im Jahr 2007 beweisen, dass Pheromone die Einschätzung potenzieller Partner maßgeblich beeinflusst. Die Forscher setzten 21 weibliche Probandinnen reinem Androstadienon und einer ähnlich riechenden Kontrollsubstanz aus. Während der Geruchswahrnehmung wurden die wichtigsten Körperfunktionen der Testfrauen, unter anderem Atmung, Blutdruck und Herzfrequenz, überwacht. Gleichzeitig wurden den Frauen Fragen zu ihrer derzeitigen Gemütsverfassung gestellt. Das Ergebnis konnte, neben den verbalen Äußerungen, auch an einer gesteigerten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol, fest gemacht werden. Nachdem die Frauen die männlichen Pheromone gerochen hatten, besserte sich ihre Stimmung, auch bemerkten sie eine leichte sexuelle Erregung.
Eine ähnliche Studie an der Universität von Northumbria in Newcastle zeigte, dass Durchschnittstypen mit einer Extra Dosis Pheromone höhere Chancen beim anderen Geschlecht haben. Studentinnen sollten ihre Kommilitonen hinsichtlich der Attraktivität einschätzen. Die Männer, in dessen unmittelbarer Nähe unauffällig ein mit Männerschweiß getränkter Lappen hing, schnitten am besten ab. Auch solche Herren, die in Vergleichsumfragen ohne Lappen schlecht abgeschnitten hatte, konnten ihre Ergebnisse deutlich verbessern, wenn die Probandinnen dem Pheromon ausgesetzt waren.

Eines wurde in allen Studien ganz deutlich: auch, wenn die Substanz Androstadienon als solche verschleiert eingesetzt oder direkt auf das VNO Organ gegeben wurde, waren die Auswirkungen auf die Testfrauen mehr als deutlich.

Pheromone in einer bedufteten Welt
Die Sexuallockstoffe übernehmen nicht nur in der Tierwelt wichtige Aufgaben. So wird zwar die Partnerwahl selbst maßgeblich beeinflusst, aber auch das Verhalten dem potenziellen neuen Partner gegenüber, sowie physiologische Vorgänge während des Geschlechtsakts sind den duftenden Substanzen unterworfen. Obwohl wir uns der biologischen Prozesse – die im Inneren unseres Körpers ablaufen – oft nicht bewusst sind, ändert sich doch unsere Wahrnehmung des anderen Geschlechts, wenn sie im Spiel sind. Besonders Frauen scheinen eine besondere Empfindung für die Duftstoffe aufzuweisen. Die Hormonumverteilungen während des Zyklus’ beispielsweise ändern die Betrachtungsweise potenzieller Partner erheblich. Während Frauen an den nicht fruchtbaren Tagen vornehmlich weniger attraktiven Männer den Vorzug gaben, sind attraktive männliche Exemplare in der fertilen Phase begehrter beim anderen Geschlecht. In einigen afrikanischen Naturvölkern erfolgt die Partnerwahl ausschließlich über ein Geruchstest-Verfahren. Dabei riechen bereitwillige Männer an den Achseln und Genitalien potenzieller Frauen. Nicht das Auge oder innere Werte sind hier entscheidend, sondern rein biologisch ablaufende Prozesse.

Mit Pheromon-Parfüm zum Sexgott?
Da die Fähigkeit, Pheromone bewusst wahrzunehmen immer weiter abnimmt, wird der absichtliche Einsatz der Duftstoffe immer schwieriger. Auch herrscht in unserer heutigen modernen Welt eine Vielfalt künstlicher Gerüche, die die natürlichen zunehmend überdecken (sollen). Schweißgeruch ist gesellschaftlich inakzeptabel, die Kleidung wird mit parfümierten Waschmitteln gereinigt und fast jede Seife ist mit synthetischen Duftstoffen angereichert. Verschiedene Hersteller versuchen daher den biologischen Effekt der Duftstoffe künstlich nachzuahmen. Da die originalen Pheromone in ihrer konzentrierten Form unangenehm riechen können, greift man auf Ersatzstoffe zurück, zum Beispiel auf Moschus, ein Sekret, das aus speziellen Drüsen des Moschusochsen abgegeben wird. Dieses ähnelt in seinem chemischen Aufbau stark der Zusammensetzung menschlichen Schweißes. Die Wirkung dieser sogenannten Pheromonparfüms ist jedoch höchst unterschiedlich. Während einige Menschen sehr stark auf die künstlichen Substanzen ansprechen, ist manchen der Geruch unangenehm, wieder andere nehmen ihn gar nicht erst wahr. Auch die Auswirkungen sind variabel. Kopulin-ähnliche Duftstoffe sind durchaus in der Lage, eine Frau in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. Sexuelle Erregung können die synthetischen Lockstoffe aber in den meisten Fällen nicht hervorrufen.

Zudem kann es auch zu einer unbeabsichtigten Signal-Verwirrung kommen. Da man gleichzeitig auch die eigenen Duftstoffe aussendet, könnte ein künstliches Produkt widersprüchliche Zeichen verbreiten.

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