Schlafdauer: Vier Stunden schläft der Mann, fünf die Frau

Verschiedene Studien haben die Schlafdauer von Probanden in Zusammenhang mit der Sterblichkeit gebracht...


Politik ist ein hart umkämpftes Geschäft. Angela Merkel wird das sicher beurteilen können. Den typischen Tagesablauf eines Politikers könnte man sich folgendermaßen vorstellen: Der Tag beginnt morgens meist schon um sechs oder sieben. Bei einem Frühstück, vielleicht bei der Zeitungslektüre bereitet sich der Politiker auf das Tagesgeschäft vor. Heute ist eine Kabinettsitzung, das heißt, die geplanten Reden müssen erneut durchgegangen werden. Zudem stehen heute auch wieder Gespräche mit Einflussträgern aus Wirtschaft und Handel auf dem Tableau. In dieser Woche wird er auch wieder eine Auslandsreise antreten, um internationale Kontakte auszubauen. Dazu kommen die normalen Wochengeschäfte, Sitzungen, öffentlichen Auftritte, Interviews im öffentlich-rechtlichen Fernsehen oder repräsentative Aufgaben, wie der Besuch bei diversen Stiftungen und wohltätigen Vereinen. Gerade im Wahlkampf oder politisch angespannten Zeiten geht es heiß her, da bleibt kaum Zeit, sich zu erholen, Kraft zu tanken, das Ich zu pflegen. Auch der Schlaf wird in derartigen Ausnahmesituationen oft vernachlässigt.

Schlafdauer und Sterblichkeit
Verschiedene Studien haben die Schlafdauer von Probanden in Zusammenhang mit der Sterblichkeit gebracht. Das übereinstimmende Ergebnis war immer das Gleiche: Kurzschläfer haben demnach ein um den Faktor 1,7 erhöhtes Sterblichkeitsrisiko als die sogenannten Normalschläfer. Normalschläfer, das sind Menschen, die ein tägliches Schlafpensum von sieben Stunden haben. Aber auch Langschläfer sterben früher als Normalschläfer. Ob jedoch tatsächlich der Schlafrhythmus für die höhere Sterblichkeit verantwortlich ist, oder der unterschiedliche Lebensstil, ist noch unklar.

Der kraftvolle Kurzschläfer
Menschen, die nur sehr wenig schlafen sind in unserer heutigen Gesellschaft hoch angesehen. Sie sind fast so etwas wie die neuen Götter in einer Welt, die niemals still steht. Von Karriere bestrebten Menschen wird permanente Anwesenheit gefordert. Manager sollen bis zu 14 Stunden am Stück ihrer aufreibenden Arbeit nachgehen, für Freizeit oder gar einen erholsamen Schlaf bleibt da nicht mehr viel Zeit. Kurzschläfer – das sind Menschen, die bis zu fünf Stunden schlafen – gelten als dynamisch, äußerst leistungsbereit und wahre Energiebündel. Dieses Image des ständig produktiven Mitarbeiters wird vielfach sogar gezielt als erstrebenswertes Charakterbild eingesetzt. Vor allem Staatsmänner zeichnen in der Öffentlichkeit das Bild eines ruhelosen, potenten Führers, der nie oder höchst selten ausruhen muss.

Typischer Kurzschlaf
Menschen, die mit nur sehr wenig Schlaf auskommen, verbringen eine längere Zeit in der erholsamen Tiefschlafphase, im Gegenzug ist die traumreiche REM-Phase stark verkürzt. Napoleon war einer der bekanntesten Kurzschläfer. Angeblich kam er mit vier Stunden Schlaf täglich aus. Untergebene berichten aber, dass er oft während des Tages kleine Nickerchen hielt, auch vor großen, entscheidenden Schlachten soll er viel geschlafen haben.
Es gibt aber durchaus belegte Fälle, in denen Menschen tatsächlich mit einer sehr geringen Menge Schlaf auskommen. So ruhte eine 70jährige ehemalige Krankenschwester aus den USA nur 57 Minuten, bevor sie erneut in den Tag startete. Selbst bei einer knapp zweiwöchigen Beobachtung in einem Schlaflabor änderte sie ihre Schlafgewohnheiten nicht. Das Erstaunliche: Die Frau war genauso leistungsfähig wie Menschen, die bedeutend mehr Zeit im Bett verbringen. Doch längst nicht alle Kurzschläfer sind derart uneingeschränkt strapazierbar. Während die einen ihr individuelles Schlafbedürfnis in Form kleiner Nickerchen am Tage ausgleichen, sind andere nach Tagen mit wenig Schlaf so erschöpft, dass sie 12 Stunden am Stück durchschlafen.

Schlafdauer im Wandel des eigenen Lebens
Das Schlafbedürfnis des Menschen nimmt im Laufe des Lebens immer weiter ab. Während Neugeborene noch bis zu 16 Stunden ruhen, sind es bei kleinen Kindern „nur“ noch zehn bis 12 Stunden. Letztere benötigen lange Ruhephasen, weil während des Schlafens wichtige Wachstumshormone ausgeschüttet werden. Alte Menschen schließlich weisen kurze, flache Schlafrhythmen auf. In Deutschland ruhen Erwachsene durchschnittlich sieben Stunden. Im internationalen Vergleich liegen sie damit im Mittelfeld. Bei der optimalen Schlafmenge sollte man sich aber nie ausschließlich an statistischen Durchschnittswerten orientieren, da jeder Mensch ein höchst eigenes Bedürfnis der Ruhe hat. So benötigen einige Menschen nur sehr wenig Schlaf, während andere selbst nach neun Stunden noch müde sind und den Tag nur mit Mühe überstehen. Viele Schlafforscher aber sagen, dass nicht die Quantität der Nachtruhe entscheidend ist, sondern die Qualität. So würden zwar viele Menschen ausreichend Zeit im Bett verbringen, der Körper bekommt aber dennoch nicht die Gelegenheit zur Regeneration, da die wichtigen Tiefschlaf- und REM-Phasen durch Wachphasen unterbrochen sind. In Deutschland leiden etwa 60 Prozent aller Erwachsenen unter leichten oder schweren Beeinträchtigungen der Nachtruhe.

Schlaf als Vergiftungsreaktion
Warum wir schlafen, ist immer noch eines der großen Rätsel des Menschen. Viele Theorien versuchen die gezielte Abschaltung des Bewusstseins zu erklären, mit teilweise absonderlichen Einsichten. So ging der französische Forscher Henri Pierin Anfang des 20. Jahrhunderts (1913) sogar davon aus, dass sich im Wachzustand ein körpereigenes Toxin im Körper anreichert, das für das zunehmende Schlafbedürfnis verantwortlich ist. Dieses Schlafgift (Hypnotoxin) würde dann im Ruhezustand abgebaut und ausgeschieden. Um diese Theorie zu beweisen, führte er Versuche an Hunden durch. Ihm gelang es, eine Substanz in den Gehirnen schlafender Hunde zu isolieren, die, wenn bei wachen Tieren eingesetzt, zum augenblicklichen Einschlafen führte. Diverse Schlafforscher versuchten seitdem die Existenz einer Schlafsubstanz nachzuweisen.

Funktion des Schlafs
Heute sind Schlafforscher der Ansicht, dass die nächtliche Ruhezeit vor allem der Regeneration des Körpers zugute kommt. Wenn wir uns in die Decke kuscheln, beginnt sich der Körper zu entspannen. Die Körpertemperatur fällt, Atmung und Pulsschlag werden langsamer und der Blutdruck sinkt. Der Organismus ist größtenteils in der Tiefschlafphase ruhig gestellt, in einem solchen Ausmaß, dass keine Aktivitäten mehr stattfinden. Vor allem die NonREM Phase- also die Zeit, in der wir nicht träumen- wird vom Körper genutzt, um sich zu erneuern. Die Wirbelsäule, inklusive der stark beanspruchten Bandscheiben, schwingt sich aus. Auch auf der zellulären Ebene finden nun Reparaturvorgänge statt. Geschädigte oder alte Hautzellen werden entweder abgestoßen und durch neue ersetzt oder sie erleben eine Rundum-Erneuerung. Zudem wird der gesamte Stoffwechsel aktiviert. Die mit der Nahrung aufgenommenen Vitalstoffe werden verarbeitet und schließlich an die Zellen abgegeben. Zudem erhält das Immunsystem während der langen Ruhephase die Gelegenheit, alle potenziellen Krankheitserreger zu bekämpfen.

Im Schlaf lernen
Schlaf übernimmt aber auch eine andere überaus wichtige Aufgabe: Neues wird gefestigt und in den Nervenzellen als neue Synapse –Verknüpfung mehrerer Nervenzellen – etabliert. Neu erlernte Bewegungsabläufe werden in den neuronalen Verbindungen gespeichert, am Tage Erlebtes als Langzeiterinnerung abgelegt und die eigene Gedächtnisleistung optimiert. Wichtige Lernprozesse können erst jetzt endgültig vollendet werden. Außerdem ist das Gehirn in der Lage, die vielfältigen Eindrücke und Gedanken des Tages zu ordnen und sich mit ihnen auseinander zu setzen. Im REM-Schlaf schließlich wird den Nervenzellen des Gehirns die Möglichkeit gegeben, eine kleine Auszeit zu nehmen.

Schlafschulden gefährlich für Körper und Geist
Menschen, die über einen längeren Zeitraum hinweg zu wenig schlafen, setzen ihren Körper unter physischen und psychischen Druck. Dies hat eine Reihe negativer Auswirkungen. Dem amerikanischen Schlafforscher William C. Dement zufolge, macht Schlafmangel nicht nur müde sondern auch dumm. Zunächst sinkt die Fähigkeit logische Zusammenhänge zu erfassen, zudem sind das Reaktionsvermögen, die Wachsamkeit und die Aufmerksamkeit vermindert. Im Wachszustand baut sich das Schlafdefizit zu Schlafschulden (Dement) auf, die auch mit Koffein, Amphetaminen oder anderen Hilfsmitteln nicht abgearbeitet werden können. Nimmt das persönliche Schuldenkonto immer weiter zu, erhöht sich der Herzschlag, die Artikulation wird undeutlich, Stimmungstiefs stellen sich ein. Im letzten Stadium ist der Betroffene verwirrt, leidet unter Halluzinationen, auch ernste Sprachstörungen gehören nun zum normalen Erscheinungsbild. Nur der Schlaf kann all diese körperlichen und geistigen Ausfallerscheinungen jetzt noch beheben.

Körper in Alarmbereitschaft
Für den Körper ist dauerhafter Schlafentzug gleich bedeutend mit einer Alarmsituation. Infolge dessen schüttet der Körper die sogenannten iNOS- Enzyme aus, die auch bei der Bekämpfung gesundheitsgefährdender Viren und Bakterien aktiv sind. Der Brite Tony Wright stellte 2007 einen neuen Weltrekord in der Disziplin „Freiwilliger Schlafentzug“ auf. Er bewältigte eine Zeit von 266 Stunden, das sind 11 Tage, ohne seinem Körper Gelegenheit zur Regeneration zu geben. Auch bei ihm zeigten sich teils dramatische Auswirkungen, er begann zu halluzinieren, auch nahm seine Fähigkeit, bestimmte Abläufe bewusst zu steuern, ab. Die Effekte sind denen nach der Einnahme psychoaktiver Drogen nicht unähnlich, vielleicht auch ein Grund, warum das Guiness Buch der Rekorde diese Kategorie aus seinem Höchstleistungsbestand gestrichen hat.

Schlafdefizit führt zu Übergewicht
Neben diesen extremen Auswirkungen des Schlafentzugs sind auch die Folgen chronischer Ruhelosigkeit dramatisch. Kinder, die lange nicht ausreichend schlafen, sind Forschern zufolge stärker gefährdet Übergewicht zu entwickeln, als Gleichaltrige. Diejenigen Kinder, die im Vergleich am kürzesten schliefen, wiesen ein um 92 Prozent höheres Risiko auf, später zu viele Kilos auf die Waage zu bringen, auf. Kinder hingegen, welche die von Ärzten empfohlenen neun bis elf Stunden schliefen, werden im Erwachsenenalter wahrscheinlich normalgewichtig sein. Das Risiko sinkt mit jeder weiteren Stunde um etwa zehn Prozent, so die Forscher. Die Wissenschaftler der Johns Hopkins School of Public Health hatten verschiedene Studien, die sich mit dem Zusammenhang Schlaflänge und dem Gewicht auseinander gesetzt hatten, ausgewertet.

…auch bei Erwachsenen
Aber auch erwachsene Schlafmuffel müssten einer amerikanischen Studie zufolge mit Extra Kilos rechnen, wenn sie die Idealschlafmenge von sieben Stunden ständig unterschreiten. Sanjay Patel von der Case Western Reserve Universität Cleveland hatte zusammen mit einem Wissenschaftlerteam mehr als 68.000 Frauen über einen Zeitraum von 16 Jahren beobachtet. Bereits zu Beginn der Studie brachten diejenigen Frauen, die nur fünf Stunden schlafen, rund drei Kilo mehr auf die Waage als die Langschläferinnen. Nachdem die Untersuchungen beendet waren, konnte festgestellt werden, dass die wenig schlafenden Frauen im Schnitt 1,5 Kilo mehr an Gewicht zugelegt hatten als die Frauen, die länger im Bett blieben. Das Paradox war nun, dass die Wenigschläferinnen keineswegs mehr aßen und weniger körperlich aktiv waren. Vielmehr soll ein verlangsamter Stoffwechsel dafür verantwortlich sein, dass bei gleich bleibender Nahrungszufuhr weniger Kalorien verbraucht werden.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Wenigschläfern wahrscheinlicher
Ungenügende Nachtruhe kann aber noch viel schwerwiegendere gesundheitliche Konsequenzen haben, wie eine aktuelle britische Studie zeigte. Mehr als 10.000 Angestellte des öffentlichen Dienstes wurden zu ihren Schlafgewohnheiten befragt. Das Ergebnis ist erschreckend: Das Risiko an Bluthochdruck, koronaren Herzerkrankungen oder dem Typ 2-Diabetes zu erkranken, war bei denjenigen, die weniger als fünf Stunden schlafen, etwa um das Doppelte erhöht. Andere Risikofaktoren wie Nikotinkonsum oder ungesunde Ernährung waren im Vornherein statistisch ausgeschlossen worden. Andere Studien bestätigen dieses höhere Risiko von Wenigschläfern.

Schlafmangel als Symptom der Leistungsgesellschaft
Der moderne Mensch schläft heute im Schnitt eine Stunde weniger als noch vor 20 Jahren. Eine Folge dieses Trends könnte die Zunahme der sogenannten Zivilisationskrankheiten sein. Aber neben der Quantität nimmt auch die Qualität ab. Viele Menschen leiden unter irgendeiner Form der Schlafstörung. In unserer heutigen Leistungsgesellschaft wird der individuelle Druck auf den Einzelnen immer größer. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und dem allgemeinen Konsens, dass jeder ersetzbar ist, muss man immer leistungsbereit und aufmerksam sein. Arbeitnehmer müssen ständig präsent und produktiv sein. Hinzu kommt eine große finanzielle Unsicherheit und die Sorge um den Arbeitsplatz. Schlaf wird zunehmend als Handicap aufgefasst. Viele Menschen betrachten die Notwendigkeit der Nachtruhe als äußerst lästige Angelegenheit, als verlorene Zeit, die besser genutzt werden könnte. Einige wollen sich mit dem selbst gewählten Schlafentzug mehr Freizeit erkaufen, ein Handel, der auf Dauer keine Gewinner haben kann. Das Wohlbefinden, die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit nimmt ab, in vielen Fällen leidet sogar die Gesundheit unter dem Schlafmangel. Allgemeine Therapien gibt es kaum, stattdessen muss jedes Schicksal einzeln begutachtet werden, um einen individuellen Lösungsansatz zu finden.