Setzt Sex die körperliche Leistungsfähigkeit herab?

Kann der Verzicht auf Sex wirklich die körperliche Leistungsfähigkeit erhöhen oder fördert gerade regelmäßiger Sex unsere körperliche Ausdauer?


Berti Vogts ist einer der ganz großen Gläubigen. Er glaubte an den Sieg seiner Jungs bei der Fußballweltmeisterschaft 1994, vor allem aber glaubte er an eine unumstößliche Tatsache: Sex vor einem Wettkampf setzt die körperliche Leistungsfähigkeit herab. Und so verbot er den 22 Mitgliedern des WM-Kaders jeglichen Geschlechtsverkehr. Natürlich durften auch die Spielerfrauen nicht ins Trainingslager, zu groß sei die Gefahr der physischen Anziehungskraft, die schließlich im Bett ausgetragen werden würde.

Fitnessmythos mit Zukunft
In den letzten Monaten vor dem entscheidenden Wettkampf besann sich Ikko von Tarentum auf das Wesentliche. Er aß Unmengen Wildschwein- und Ziegenfleisch, auch Käse. Er ging in die antike Form des Fitnessstudios und trainierte den Weitsprung und den Speerwurf. Er rieb seinen Körper mit Olivenöl ein, damit er schön glänzte- und er verzichtete auf Sex. Denn er glaubte, dass Abstinenz wichtig war, wenn man seine athletische Kraft und Ausdauer behalten wollte. Es war das Jahr 444 vor Christus, Ikko- ein erfolgreicher Fünfkämpfer- wollte auch bei den diesjährigen Olympischen Spielen Ruhm und Ehre gewinnen. Ikko ist der Urvater der sexuellen Abstinenz. Die Legende lebte weiter. Im Viktorianischen Zeitalter glaubten Ärzte, dass der durch eine Ejakulation abgegebene Samen, und der darin innewohnenden Zeugungsfähigkeit, zu einer Minderung der körperlichen Fitness und Vitalität führt. Ikkos Weisheit wurde an immer neue Sportjünger weitergegeben, bis in die heutige Zeit hat sie sich gehalten. Zahlreiche Begebenheiten sind bekannt, Verbote von eifrigen Trainern, die ihren Schützlingen den erotischen Kontakt mit Freundin, Ehefrau oder Geliebte ausredeten. Berti Vogts ist lediglich die Spitze des Eisbergs einer ganzen Nation aus Trainern und Managern, die von der Weisheit überzeugt sind.

Kraftraubender Bettsport?
Eines der Argumente der „Kein Sex vor dem Wettkampf“ Vertreter ist stets der hohe Energieverbrauch, der schließlich zu einem Leistungsabfall am entscheidenden Tag führe. Der Autor und Professor für Familienmedizin Ian Shrier nahm nun allen Betthengsten die Illusion- so werden bei einem durchschnittlichen sexuellen Verkehr etwa 25 bis 50 Kalorien verbraucht, das sind vier Kalorien pro Minute. Gleich viele Kalorien verbraucht man beim Erklimmen von zwei Treppenabsätzen. Selbst bei einer 25 Minuten andauernden Haushaltstätigkeit wie Staubsaugen verbrennt man mehr- etwa 100 kcal. Sogar sehr intensiv gelebter Sex schlage nur mit einem Verbrauch von 250 Kalorien zu Buche. Von Orgien, die die ganze Nacht in Anspruch nehmen, rät der Experte aber ab, da nicht nur der Kalorienverbrauch deutlich höher liegt, auch das Schlafdefizit wirkt sich am Wettkampftag nachteilig auf die körperliche Leistungsfähigkeit aus. Auch sollten alle sexuellen Aktivitäten mehrere Stunden vor dem großen Tag beendet sein, damit dem Körper genügend Zeit zur Regeneration gegeben wird.

Verzicht = Verlieren?
Viele Hochleistungssportler leiden unter den sogenannten „pre-game jitters“ (Vorwettkampf-Zittern), einer Art Lampenfieber unter Sportlern. Diese Anfälle sind gekennzeichnet von starken Angstgefühlen, Herzrasen und Schweißausbrüchen. Sex könnte diesen Sportlern vermutlich helfen, ihre Anspannungen zu entladen.
Sportpsychologen sagen, dass die durch Sex ausgelöste Entspannung Sportlern auch dienen könnte, mit dem Konkurrenzdruck besser umzugehen. Wenn die Anspannung zu groß ist, kann sich das unmittelbar auf die Leistung auswirken. Denn einige Sportarten, besonders Golf, Bogenschießen oder Snooker, verlangen von den Athleten präzise Muskelarbeit, die über Sieg oder Niederlage entscheidet. Ein anderer guter Grund, vor dem Wettkampf Geschlechtsverkehr zu haben, ist die Art des Trainings. Viele Sportler reduzieren ihr Trainingspensum einen Tag vor dem Wettkampf und verfügen dann über Extra-Energie, die ungenutzt bleibt. Dies führt nicht selten zu Ruhelosigkeit und schlaflosen Nächten. Casey Stengel, der frühere Manager des amerikanischen Baseballteams New York Yankees sagte einmal, dass es nicht der Sex ist, der den Sportlern so zusetzt, sondern die Suche nach einer Partnerin.

Erfolgsgeschichten
Die Abstinenztheorie hält sich besonders hartnäckig in Sportarten wie Boxen und Fußball, weil man glaubt, dass die sexuelle Frustration zu mehr Aggressivität führe. Muhammad Ali gab zu, dass er freiwillig sechs Wochen vor jedem Wettkampf auf Sex verzichtet habe. Linford Christie, der amerikanische Sprintkönig berichtet von „schweren Beinen“, wenn er vor dem entscheidenden Tag sexuell aktiv gewesen war. Auch Shaun Smith, ein Verteidiger beim Footballteam Cincinnati Bengals, verzichtet vor wichtigen Spielen freiwillig auf Sex. Man möchte sich nicht entspannt, schwach und ruhig fühlen, wenn ein Spiel ansteht, sagt er. Im Gegenteil, ein Spieler, der gewinnen möchte, ist im Idealfall aufgeregt und sprunghaft. Trainer bauen gerade auf diese Aggression, die durch mangelnde erotische Zuwendung entsteht. 

Vier gute Gründe, Sex zu haben
Es spricht vieles dafür, dass Sex positive Wirkungen auf den gesamten Organismus hat.

1.Testosteron-Spiegel steigt an
Bewiesenermaßen sorgt sexuelle Aktivität für eine erhöhte Ausschüttung der Geschlechtshormone. Bei Männern ist es das Testosteron, das vermehrt gebildet wird. Dieses stärkt Knochen, Herz und Kreislauf. Wenn man potenziell aggressive Sportarten, wie etwa Rugby, ausübt, kann diese Extra-Portion Testosteron sehr hilfreich sein.
Bei Frauen sorgt die erhöhte Östrogenzufuhr für eine bessere Regenerationsfähigkeit der Hautzellen, das Bindegewebe wird straffer, Cellulite geht zurück, Falten verschwinden.

2. Sex motiviert
Der angestiegene Testosteronspiegel macht aus müden Männern wahre Siegesmaschinen. Nach einem Liebesabenteuer sind sie mit mehr Kampfgeist, einer höheren Leistungsbereitschaft und positiver Aggression ausgestattet.

3. Sex macht glücklich
Neben dem Geschlechtshormon Testosteron werden beim sexuellen Verkehr auch verstärkt stimmungsaufhellende Hormone, die sogenannten Endorphine ausgeschüttet. Sie heben die Laune, sorgen für Entspannung, die Aufregung verschwindet. Das Lebensgefühl hebt sich, der Sportler ist optimal auf den Wettkampf vorbereitet.

4. Sex hat heilende Kräfte
Eine Studie der Rutgers Universität von New Jersey stellt sogar die Vermutung auf, dass sexuelle Stimulation Muskelschmerzen und andere Sportverletzungen bekämpfen kann. Diese schmerzstillende Wirkung ist vor allem bei Frauen bewiesen worden. Bei andauernder sexueller Aktivität kann sogar die Toleranzschwelle für Schmerz erheblich nach oben versetzt werden, das heißt, Schmerzen werden später und weniger stark wahrgenommen.

Frauen kommen von der Venus
Verschiedene Studien widerlegen eindeutig die von vielen Trainern vertretene These, dass Sex die Muskelaktivität schwächt und den Körper schwächt. Auch gibt es erste Hinweise, dass der anregende Bettsport sogar eine Leistungssteigerung bewirken kann. Besonders bei weiblichen Athleten. Der israelische Sportarzt Alexander Olshanietzky fand heraus, dass Frauen, die in der Nacht vor dem Wettkampf einen Orgasmus erlebt hatten, bessere Ergebnisse zeigten als ihre Mitkonkurrenten. Auch das Alter scheint eine bedeutende Rolle zu spielen. So sind jüngere Sportler, die vor dem Sportereignis Sex hatten, vitaler und leistungsfähiger als ihre älteren Mitstreiter.