Taigatrommel - Geschichte einer Lokomotive

50 Jahre war die Taigatrommel mit 2.000 PS dieselelektrisch in vielen Ländern unterwegs – und ist bis heute nicht ausschließlich internationale Lokomotivgeschichte.


Wenn Großvater mit Blick auf übliche Verspätungen plötzlich nostalgische Kommentare von sich gibt, wie: „Mit der Taigatrommel war das alles kein Problem…“, so schwelgt er keineswegs in Erinnerung an instrumentale Einlagen des russischen Staatsorchesters. Hierbei geht es um einen Klassiker der internationalen Lokomotivgeschichte, formell und bürokratisch „M62“ benannt.

Scheres Gerät aus der sowjetischen Taiga
Zwischen 1964 und 1994 verließen Tausende Exemplare der so genannten Taigatrommel das sowjetische Werk Luhansk und begaben sich auf weltweite Fahrt ins Bahnnetz. 115 Tonnen schwer und 2.000 PS stark war die M62 mit einer maximalen Geschwindigkeit von 100 km/h vorrangig für den Einsatz mit schweren Güterzügen gedacht. Allerdings kam die Lokomotive mit dem Spitznamen Taigatrommel auch bei Personenzügen zum Einsatz. Mangels Zugheizanlage vorzugsweise in den Sommermonaten, wenngleich der M62 auch Väterchen Frosts kälteste Hand nichts anhaben konnte. Kein Wunder, denn auf die Maschka, wie der Eisenbahnklassiker in Russland genannt wird, musste auch bei eisigen Temperaturen in der Sowjetunion Verlass sein. Die schwere, sechsachsige Güterzuglokomotive wurde dieselelektrisch mit einem Motor vom Typ 14D40 angetrieben und setzte in der ehemaligen Sowjetunion, Polen, Ungarn, Kuba, Nordkorea und der damaligen Tschechoslowakei schwere Lasten in Bewegung. Und eben auch für die Deutsche Reichsbahn in der ehemaligen DDR: Rund 400 Lokomotiven des Herstellers und Typs schrieben bis Mitte der 90er Jahre deutsche Bahngeschichte. In den meisten Ländern ist die Taigatrommel inzwischen nur noch im Museum zu bewundern. Dennoch ist die M62 auch heute noch vereinzelt im internationalen Schienenverkehr in Bewegung.

Charakteristische Koseworte der M62
Wovon leiten sich nun die Spitznamen der M62 wie die musikalische Bezeichnung „Taigatrommel“ ab? Zunächst einmal sorgt der 2-Takt-Dieselmotor für den charakteristischen Klang, der wummernd und trommelnd das Herannahen der Lokomotive ankündigte. Zudem wurden über Hundert Exemplare der ersten Baureihe ohne Schalldämpfer ausgeliefert! Der ohrenbetäubende Lärm war kaum zu ertragen und kündigte den herannahenden Zug, bespannt mit der M62, bereits weit vor Ankunft unmissverständlich an. Wem dies eine zu theoretische Erklärung der Kosenamen Taigatrommel, Stalins letzte Rache oder Russenschrei ist, der fühle sich eingeladen, eine der vielen Klangbeispiele der M62 im Internet zu öffnen und die heimische Audioanlage mal so richtig aufzudrehen. Nun erklärt sich alles von selbst, oder? Eisenbahn-Fans können übrigens auch eine virtuelle Fahrt mit der Taigatrommel, dank Zugsimulator am Computer, wagen, die Lokomotive in vielen deutschen Eisenbahnmuseen bewundern oder eine Miniaturausführung auf der Modelleisenbahn daheim ins Rennen schicken.