Vorurteile gegenüber Kopfschmerzen

Viele Menschen, die an Kopfschmerzen leiden, sind starken Vorurteilen von ihren Mitmenschen ausgesetzt. So empfinden andere die Leidenden oft als Sensibelchen oder Drückeberger.


Kopfschmerzen und vor allem Migräne werden nicht selten als ‚Frauenleiden’ hingestellt. Migräne ist – ganz unabhängig des bei Frauen tatsächlich doppelt so hohen Vorkommens als bei Männern – die Kopfschmerzart, welche am häufigsten negative Assoziationen und üble Nachrede provoziert. Migränepatienten müssen sich in beruflichen Kreisen oftmals den Vorwurf des ‚Krankfeierns’ gefallen lassen, wohingegen in privaten Situationen Migräne vielfach mit ‚Frigidität’ gleichgesetzt wird. Ausgeliefert sind diesen haltlosen Unterstellungen und Beschuldigungen überwiegend weibliche Migränepatienten, weshalb schnell vergessen wird, dass auch eine erhebliche Zahl an Männern von dem ‚Frauenleiden’ betroffen ist. Der Geschlechterdemokratie abträglich ist zudem der Fakt, dass der meistens bei Männern auftretende Clusterkopfschmerz nicht annähernd so mit einem Vorurteil behaftet ist wie der Kopfschmerzen-Typ Migräne.
 
Keine richtige Krankheit?
Nicht wenige Menschen sind davon überzeugt, dass Migräne eigentlich keine „richtige“ Krankheit ist, obwohl sie im Familien- oder Freundeskreis mitbekommen, wie stark Betroffene unter Migräne leiden. Vorurteilsbehaftete Bemerkungen über Migräne, vorwiegend von Menschen, die selbst nie eine Migräne-Attacke erlitten haben, gibt es trotz der offensichtlich qualvollen Symptome zuhauf. Immer wieder wird argumentiert, es handele sich bei Migräne um eine vorgetäuschte Krankheit, weil Migräne sich schließlich nicht in körperlichen Untersuchungsbefunden abbilde. Unterstellt wird betroffenen Menschen deshalb in vielen Fällen, dass sie aus Ängstlichkeit und Schwäche unterschiedlichste Herausforderungen im Leben meiden und sich hinter der Krankheit „Migräne“ verschanzen wollten. Die Beobachtung, dass Menschen oftmals genau dann unter Migräne leiden, wenn sie beruflich oder familiär in besonderem Maße gefordert und unabkömmlich sind, verfestigt den Eindruck nur noch einmal, es handele sich bei Migränepatienten um ‚Drückeberger’ und ‚Sensibelchen’.
 
Da die meisten Migränepatienten in ihrem Leben mindestens ein Mal mit einem der zahlreichen bekannten Vorurteile konfrontiert wurden, scheuen viele davor zurück, ihrem Arbeitgeber Migräne als Grund für einen Arbeitsausfall anzugeben.

An Migräne leiden nur Mimosen, oder etwa nicht?

Wenn Sie schon immer mal in einer Reihe mit der Queen, Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud, Wilhelm Busch oder Alfred Nobel genannt werden wollten, dann macht Ihre Migräne es möglich! Zahlreiche bekannte Persönlichkeiten, die in Anbetracht ihres Lebens und Wirkens alles andere als leistungsschwach oder unzuverlässig eingeschätzt werden können, leiden oder litten unter Migräne. Oftmals wird neben dem Vorurteil, Migräne sei eine vorgetäuschte Krankheit, auch behauptet, dass bestimmte Persönlichkeitstypen, beispielsweise extrem genaue, disziplinierte, ordentliche, intelligente oder ängstliche Menschen, mehr als andere für Migräne empfänglich sind. Studien stützen diese Annahme nicht. Dennoch muss davon ausgegangen werden, dass Menschen, die häufig von Migräneattacken heimgesucht werden, im Verlauf ihrer Krankheitsgeschichte einige typische psychosoziale Muster ausbilden. Dieser Umstand verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass Migränepatienten eine besonders genaue Selbstbeobachtung zur Vermeidung der nächsten Migräneattacke pflegen. Viele Betroffene kennen die möglichen Auslöser für eine Migräne nicht nur ganz genau, sondern versuchen die nächste Migräneattacke auch zu verhindern, indem sie sich strikt entlang selbstaufgestellter Regeln verhalten. Das soziale Umfeld neigt dann hin und wieder dazu, Migränepatienten eine „typische Migränepersönlichkeit“ nachzusagen. Dies geschieht vielfach in Reaktion darauf, dass Migräniker mitunter rigoros auf Alkohol verzichten oder auf eine kompromisslose Einhaltung von Schlaf- und Wachzeiten achten, was manchmal für kleinkariert oder überpenibel gehalten wird.