Wieviel unserer Gehirnkapazität nutzen wir wirklich?

Wieviel unserer Gehirnkapazität nutzen wir wirklich? Schöpfen wir tatsächlich nur 10 Prozent unserer geistigen Leistung aus?


Albert Einstein soll es gewesen sein, der sagte: „Die meisten Menschen nutzen nur fünf bis sechs Prozent ihrer Gehirnkapazität. Ich nutze sieben Prozent!" Fest steht, einen Beweis, dass er diesen berühmten Satz tatsächlich gesagt hat, existiert nicht. Überhaupt gibt es keine eindeutigen Indizien für den genauen Ursprung dieses Mythos.

Forscher suchen nach Ursache für den Mythos
Der amerikanische Forscher Berry Beyerstein hat nun die Ursprünge dieses Mythos’ genauer untersucht. Er kam zu dem Schluss, dass das Samenkorn diese Legende irgendwann im Jahre 1907 gelegt wurde. In einer Zeit, als die letzten Grenzen des amerikanischen Kontinents durchbrochen, neue Landstriche bevölkert und die Industrialisierung langsam in Gang gesetzt wurden, verbreiteten verschiedene Quellen bewusst das Gerücht, dass das menschliche Gehirn zu 90 Prozent ungenutzt sei. Natürlich gäbe es Mittel und Wege, diese schlummernden Fähigkeiten zu erwecken- mittels einer kleinen finanziellen Entschädigung versteht sich.

Neue Untersuchungsmethoden decken auf
Dank neuer wissenschaftlicher Techniken ist man dem Geheimnis „Gehirn“ wieder ein Stück näher gekommen. Neuroimaging, PET-Scan (Positronen-Emissions-Tomografie) oder MRI (Magnetresonanztomografie) sind nur einige der Wunderwaffen, die es erlauben, zuverlässige Aussagen über Aufbau und Funktionsweise des menschlichen Gehirns zu ziehen. Wagt man einen näheren Blick in die Strukturen der grauen Masse, entdeckt man Verblüffendes. Ähnlich einer riesigen Autobahn laufen unzählige Nervenbahnen durch das Gehirn. Fast täglich werden neue Bahnen gebildet. Ungefähr 100 Milliarden dieser neuronalen Verbindungen, auch Synapsen genannt, existieren im menschlichen Gehirn. Sie wiederum stehen mit 10.000 Nervenzellen in Verbindung, eine Art riesiges Netzwerk entsteht. Immer dann, wenn etwas Neues erlernt oder der Mensch mit unbekannten Situationen konfrontiert wird, bildet sich eine neue Nervenbahn. Die Aufgabe dieser Nerven- Autobahnen ist es auch, Übergänge zwischen den einzelnen Gehirnarealen zu schaffen. Bei Tätigkeiten, die mehr als nur eines der diversen Felder beansprucht, sorgen sie dafür, dass komplexe Prozesse fehlerfrei ausgeführt werden.

Klavierspielen als komplexe Gehirnleistung
Klavierspielen ist ein gutes Beispiel für die Komplexität der Gehirnleistungen. Während Zuhören lediglich das Hörzentrum fordert, benötigen Pianisten zusätzlich das Bewegungszentrum für das Spielen. Was sich auf den ersten Blick recht simpel anhört, ist bei näherer Betrachtung unweit schwieriger. Zunächst müssen die Noten und Akkorde erkannt und geistig umgesetzt werden, das erfolgt getrennt, zunächst für die linke, dann für die rechte Hand. Mittels eines Nervenimpulses werden nun die Noten den jeweiligen Tasten zugeordnet. Arm- und Fingermuskeln werden hierfür bewegt. Schließlich muss sich die Motorik auf den genauen Zeitablauf einstellen, das heißt, der Klavierspieler muss wissen, wann welche Noten gespielt werden. Gleich drei Sinnesorgane, Auge, Tastsinn und Ohr funktionieren hier im Einklang miteinander. Vereinfacht kann man zusammenfassen, dass nie nur ein Bereich des Gehirns gefordert ist, verschiedene Bereiche arbeiten zusammen, um eine Aufgabe zu meistern. Auf der anderen Seite arbeiten aber auch nicht alle Areale gleichzeitig, je nach zu bewältigender Aufgabe werden andere Nervenbahnen aktiv.

Das Gehirn schläft nie
Obwohl längst nicht alle Geheimnisse des Gehirns aufgedeckt sind, steht doch eines bereits fest: es gibt keine inaktiven Bereiche, das Gehirn ist ähnlich einem riesigen Computer ständig gefordert, selbst beim Schlafen arbeiten verschiedene Areale und sorgen in der REM- Phase für lebhafte Träume. Beispielsweise der Hippocampus, der für das Gedächtnis zuständig ist, aber auch sensorische Areale sind während der Tiefschlafphase rege.

Gehirnkapazität voll ausschöpfen
Es scheint einen weit reichenden Unterschied zwischen Gehirnnutzung und geistigem Potenzial zu geben. Während das gesamte Gehirn jederzeit mit den verschiedenen Aufgaben ausgelastet ist, so besitzt doch jeder ein unterschiedlich hohes geistiges Potenzial. Geistiges Potenzial heißt in diesem Fall, dass jeder selbst für seine individuelle Gehirnleistung verantwortlich ist. Gehirnjogging heißt das Zauberwort. Einfache Aufgaben, etwa das Lesen eines Buches oder die Änderung der Handnutzung- können sowohl helfen, geistig aktiv zu bleiben aber auch dem Gehirn Energie zu sparen. So denken intelligente Menschen sparsamer und effizienter. Täglich ausgeführte Rituale verlangen vom Gehirn keine Höchstleistung, häufig genutzte Nervenbahnen werden aktiviert, der Weg über langsame Bahnen oder selten genutzte Nervenwege wird vermieden. Folglich arbeitet das Gehirn effektiver und energiesparender. Die Schaffung neuer Vernetzungen ist das Ziel jeder Gehirnjogging-Aufgabe. Umso öfter man Neu Erlerntes anwendet, umso „befahrener“ werden die neuen Bahnen, Umwege werden weniger nötig und werden eines Tages gar nicht mehr gebraucht. Die Leistungsfähigkeit wird gesteigert, der Mensch bleibt geistig rege und nutzt sein geistiges Potenzial zu hundert Prozent.